Immun, erkrankt oder ins Krankenhaus - Wie unterschiedlich die vierte Welle Geimpfte und Ungeimpfte trifft

Di 16.11.21 | 17:39 Uhr | Von Haluka Maier-Borst und Martin Adam
Datenrecherche: Menschen warten im Malteser-Impfzentrum unter dem Messeturm auf ihre Impfung. (Quelle: dpa/P. Zinken)
Video: Abendschau | 16.11.2021 | A. Breitfeld | Bild: P. Zinken

Reicht das Impfen doch nicht? Angesichts steigender Inzidenzen und Berichten von Geimpften im Krankenhaus gibt es Verunsicherung. Doch die Statistiken bieten viele Argumente für die Spritze. Von Haluka Maier-Borst und Martin Adam

 

Dieser Winter wird dank der Impfungen anders. Das war das Mantra, das lange ausgegeben wurde. Und nun ist die Lage auf den Intensivstationen doch angespannt, sind die Inzidenzen doch auf neuen Höchstständen. Trotzdem: Die Impfungen sind das beste Gegenmittel, das die Wissenschaft gegen die Pandemie bietet. Wieso das so ist, versuchen wir in fünf Schritten zu erklären.

1. Wie oft stecken sich Geimpfte an und wie oft Ungeimpfte an?

Grob gesagt verzeichnen Geimpfte mindestens drei Mal weniger Infektionen als Ungeimpfte. Das zeigt sich sowohl in Berlin als auch Brandenburg. In Berlin lag die Inzidenz vor einer Woche für die ungeimpften, symptomatischen Fälle bei 177,1 und bei geimpften bei 50,4. In Brandenburg lag laut Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums am Montag der Wert in der Vorwoche bei 240,1 für die Ungeimpften und bei 74,8 für die Geimpften. Bei den Zahlen aus Berlin und Brandenburg muss man allerdings einige Dinge beachten.

Bei den Berliner Zahlen ist es so, dass nur symptomatische Fälle eingerechnet werden, sprich PCR-positive Fälle, die auch wirklich erkranken. Das führt dazu, dass die Inzidenz deutlich niedriger ausfällt als in den offiziellen Statistiken. Gleichzeitig balanciert diese Erfassung aber eine mögliche Verzerrung aus. Nämlich dass Geimpfte sich nur bei Symptomen testen müssen, während Ungeimpfte als Kontaktpersonen eines positiven Falles immer getestet werden. Eine weitere Besonderheit: Die Berliner Inzidenzzahlen haben für Geimpfte und Ungeimpfte einen Zeitverzug von einer Woche. Der Grund ist, dass man nicht sofort den Impfstatus der gemeldeten Fälle kennt und entsprechend versucht, mit dem größeren Zeitfenster eine bessere Erfassung zu gewährleisten.

Bei den Brandenburger Zahlen ist es genau anders herum. Dort wurde zum Beispiel am Freitag die topaktuelle Inzidenz der vergangenen sieben Tage mitgeteilt, aufgeschlüsselt für Geimpfte und Ungeimpfte. Allerdings war die Datenlage nicht optimal, da bei 5.606 der 8.196 Fälle zu diesem Zeitpunkt der Impfstatus unklar war. Darum schreibt rbb|24 hier nur über die Inzidenz der Vorwoche. Ferner ist nicht spezifiziert, ob es sich bei den in die Statistik aufgenommenen Fällen auch um symptomlose Fälle handelt.

Dass aber bei zwei so unterschiedlichen Statistiken mit verschiedenen Schwierigkeiten eine ähnliche Größenordnung des Impfeffekts zu sehen ist, zeigt: Die Abschätzung von mindestens drei Mal weniger Infektionen bei Geimpften funktioniert ganz gut.

Zahlen aus anderen Bundesländern [mdr.de], in denen die Inzidenzen zusätzlich nach Alter aufgeschlüsselt werden, deuten sogar eher darauf, dass der Effekt deutlich größer ist. Speziell bei den Jüngsten werden die Geimpften zehn bis 20 mal seltener infiziert als die Ungeimpften. Das wird zum Teil daran liegen, dass diese Altersgruppe erst vor Kurzem geimpft wurde und aktuell einen noch stärkeren Schutz genießt. Studien suggerieren aber auch, dass grundsätzlich Jüngere stärker auf die Impfstoffe ansprechen.

2. Wie oft landen Geimpfte und Ungeimpfte auf der Intensivstation?

Ungeimpfte landen zehn Mal häufiger auf der Intensivstation als Geimpfte. Denn es mag sein, dass 28 Prozent der Patienten auf den Berliner Intensivstationen im Oktober geimpft waren. Aktuell sind es 31 Prozent. Um aber wirklich zu verstehen, was diese Zahlen bedeuten, muss man sie in Kontext setzen zum Anteil der Geimpften unter den besonders Gefährdeten.

Um mal eine grobe Abschätzung zu unternehmen, kann man stark vereinfacht davon ausgehen, dass Menschen über 60 Jahren als gefährdet einzustufen sind. Sie müssen bei einer Infektion in mehr als zehn Prozent der Fälle ins Krankenhaus und landen auch häufiger auf der Intensivstation. Das sind zumindest Daten, die im September basierend auf der Alpha-Variante in Studien diskutiert wurden.

In der Altersgruppe 60+ sind nun laut Statistik 88,4 Prozent der Menschen geimpft. Das heißt, aus 88,4 Prozent der gefährdeten Menschen speisen sich 31 Prozent der Fälle auf den Intensivstationen und aus 11,6 Prozent der Menschen die restlichen 69 Prozent.

Oder anders gesagt, das Risiko für eine Einweisung auf die Intensivstation wird um mehr als 90 Prozent durch die Impfung reduziert, ist also zehn bis 20 Mal kleiner. Auf ähnliche Zahlen kommt man, wenn man das Ganze anhand der deutlich präziseren Daten des Robert-Koch-Instituts für ganz Deutschland berechnet.

3. Gibt es einen Unterschied zwischen Geimpften oder Ungeimpften, wenn sie erst einmal im Krankenhaus landen?

Die Impfung macht beim einzelnen einen Unterschied, wenn es um die Wahrscheinlichkeit geht, auf der Intensivstation zu landen. Landet er aber erstmal dort, sind die Unterschiede gering. "Dann ist die Behandlung bei Geimpften und Ungeimpften gleich und auch die Verläufe sind gleich", sagt Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi).

Doch gesamtheilich gibt es sehr wohl einen Unterschied darin, welche Menschen auf der Intensivstation landen. Während es bei Geimpften eher Patientinnen und Patienten seien, die ein schwaches Immunsystem oder schwere Krankheiten haben, seien es bei den Ungeimpften eben auch junge, sonst eigentlich gesunde Fälle, erklärt Marx.

Grundsätzlich merkt der Intensivmediziner an, dass aktuell eher jüngere Patientinnen und Patienten mit Covid-19 auf der Intensivstation liegen und deren Liegedauer länger sei. Ein Umstand, auf den auch schon im April 2021 hingewiesen wurde. Darin verstecken sich eine gute Nachricht und ein Problem. Zum einen halten die jüngeren Behandelten länger durch und überleben das Ganze auch eher. Zum anderen blockieren sie aber auch länger das Bett für andere.

4. Welche Rolle spielen die Ungeimpften und die Geimpften in der Verbreitung?

Geimpfte spielen wohl eine wesentlich kleinere Rolle in der Übertragung als Ungeimpfte. Denn immer wieder hört man Sätze wie: "Die wirkliche Gefahr sind die ungetesteten Geimpften, weil die ja nicht merken, dass sie positiv sind." Aber das ist natürlich in der Form falsch.

Zwar stimmt es, dass Geimpfte sich unbemerkt infizieren und das Virus weitergeben können. Aber eben viel seltener als Ungeimpfte. Wieviel seltener, lässt sich im Gegensatz zu den symptomatischen Erkrankungen und den Hospitalisierungen vor allem anhand von Studien abschätzen.

Dazu hilft es sich, Folgendes klar zu machen: Grob gesagt: Jedes Mal, wenn das Virus von einer Person zur anderen springt, muss es drei Hürden überspringen.

a) Es muss Person A infizieren.

b) Person A muss auch genügend Virus ausscheiden, um ansteckend zu sein.

c) Person B muss sich durch A infizieren.

Die ersten beiden Hürden werden höher, wenn sich A impfen lässt, die letzte, wenn sich B impfen lässt. Was das bedeutet, lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen, das auf den niederländischen Journalisten Martin Keulemanns zurückgeht. Wenn sich in einem ungeimpften Dorf 100 Menschen bei einer Party anstecken und diese an jeweils zwei Menschen zu Hause das Virus weitergeben, dann gäbe es nach der Party schnell 300 Infizierte.

In einem geimpften Dorf würde es dagegen so aussehen: Anstatt 100 Menschen würden sich nur 20 anstecken, wenn der Impfstoff die Chance, sich anzustecken, um 80 Prozent reduziert. Wenn nun der Impfstoff auch die Weitergabe noch um 40 Prozent verringert, würden nur zwölf der 20 infizierten Menschen überhaupt andere anstecken können.

Wären alle zu Hause ungeimpft, könnten nun durch diese zwölf infizierten und ansteckenden Partygänger und Partygängerinnen 24 Menschen das Virus zu Hause übertragen bekommen. Sind dagegen aber alle zu Hause auch geimpft, stecken sich nur etwa drei bis vier Menschen an. Kurzum: Anstatt 300 Infizierten wären es mit einer flächendeckenden Impfung 24 Infizierte (20 Partygäste plus vier Angehörige aus den Haushalten).

Dieser Effekt wird, darauf deuten Studien hin, mit der Zeit nach der Booster-Impfung kleiner. Aber selbst eine Effektivität von 50 Prozent gegen Ansteckung würde die Zahl der Infizierten von 300 auf 80 drücken. Nun lässt sich der Einwand machen, dass asymptomatische Geimpfte womöglich ein anderes Sozialleben haben als Ungeimpfte und darum mehr Veranstaltungen besuchen. Trotzdem zeigt die simple Rechnung, dass die Ungeimpften deutlich mehr wohl zum Pandemiegeschehen potenziell beitragen als die Geimpften.

5. Reicht es also, wenn Maßnahmen nur für Ungeimpfte gelten?

Ob es reicht, nur strengere Maßnahmen für Ungeimpfte einzuführen ist eher fraglich. Die Modelliererin Viola Priesemann, die Virologin Sandra Ciesek und viele weitere Forscherinnen und Forscher haben in einem Schreiben die aktuelle Lage erörtert [tu-berlin.de]. Die Hauptbotschaft: Erst- und Zweitimpfungen der noch Ungeimpften und Booster-Impfungen der Alten und Vorerkrankten sind das Mittel schlechthin, um die aktuelle Welle zu brechen. Bis diese zusätzlichen Impfungen aber wirken, dauert es. Und diese Zeit muss überbrückt werden.

Priesemann und ihre Kolleginnen und Kollegen erörtern für diese Überbrückung verschiedene Maßnahmen, sei es das wöchentliche Testen aller oder den Effekt von 3G, 2G oder 2G-Plus-Regelungen. Und sie weisen darauf hin, dass bei konsequenter Umsetzung und dem Vermeiden von Ansteckungen zu Hause viel zu gewinnen ist. Sie machen aber auch klar, dass nicht sicher sei, ob diese Maßnahmen alleine reichen, speziell vor dem Hintergrund dass sich die Lage bereits dramatisch zugespitzt hat.

Entsprechend diskutieren sie auch einen kurzen, aber harten Lockdown als letztes Gegenmittel, den sogenannten "Not-Schutzschalter". Sie schreiben: "Je besser man alle Maßnahmen bündelt, desto kürzer kann er ausfallen und desto weniger Kollateralschäden wird er anrichten. Erreicht man so einen R-Wert von 0,7, dann halbieren sich die Fallzahlen jede Woche. So kann innerhalb von nur zwei Wochen die Inzidenz um einen Faktor 4 reduziert werden."

Ob es so weit kommen muss, da legen sich die Forschenden nicht fest. Aber sie weisen darauf hin, dass man diese letzte Methode gut vorbereiten müsse und vor allem Schulschließungen erst ergriffen sollten, wenn gar nichts anderes mehr hilft. Die klare Forderung aus dem Papier ist jedoch, dass eben jetzt schnell entschieden mehr Maßnahmen ergriffen werden müssten, um eben diesen Lockdown zu vermeiden.

Sendung: Abendschau, 16.11.2021, 19:30 Uhr

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Beitrag von Haluka Maier-Borst und Martin Adam

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