Interview | Wandel von Ernährungssystemen - "Man muss ja nicht überall alles anbauen"

Sa 30.04.22 | 08:16 Uhr
Symbolbild: Auf einem Feld der am Rande des Oderbruchs wird von einem Mähdrescher Roggen geerntet. (Quelle: dpa/P. Pleul)
Bild: dpa/P. Pleul

Kann eine Regionalisierung die Lebensmittelversorgung sicherer, sozialer und nachhaltiger machen? Im Interview erklärt die Wissenschaftlerin Martina Schäfer, wie wir uns von Exporten lösen können.

rbb|24: Frau Schäfer, wie beeinflusst die Globalisierung unsere Versorgung mit Nahrungsmitteln?

Martina Schäfer: Das Problem ist nicht, dass es nicht genügend Nahrungsmittel oder ausreichend landwirtschaftliche Flächen gäbe. Es kommt darauf an, was wo und für wen angebaut wird. In den letzten Jahrzehnten haben sich unsere Ernährungsgewohnheiten von dem entfernt, was die unmittelbare Umgebung und die Jahreszeit hergeben. Weltweit ist der Konsum stark uniformiert, es besteht der Anspruch, zu jeder Jahreszeit und an jedem Ort dieselben Lebensmittel zu bekommen.

Zur Person

Martina Schäfer (Bild: rbb/Judith Rhode)
rbb/Judith Rhode

Martina Schäfer ist Professorin für sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung. Seit 2010 ist sie Wissenschaftliche Geschäftsführerin des Zentrums Technik und Gesellschaft. Derzeit ist sie als wissenschaftliche Expertin im Zukunftskreis tätig, der das BMBF im aktuellen Foresight-Prozess berät, und Co-Sprecherin des Forschungsprojektes "Inklusiver Wandel des Ernährungssystems".

Unsere Ernährungsweise nimmt sehr viele Flächen in anderen Ländern in Anspruch. Hauptsächlich zur Produktion von Futtermitteln für unseren Fleischkonsum. Die Einnahmen aus dem Export sind wichtig für diese Länder. Davon verbleibt aber ein großer Teil bei Großgrundbesitzern mit Monokulturen und nicht unbedingt bei den ärmeren Schichten. Die einheimische kleinbäuerliche Landwirtschaft versorgt immer noch einen großen Anteil der Weltbevölkerung - hauptsächlich zur Selbstversorgung, aber auch zum Verkauf auf den einheimischen Märkten. Diese Strukturen sind in den letzten Jahren massiv unter Druck geraten, dadurch dass andere, intensiv produzierte Produkte, zu ganz anderen Preisen angeboten werden.

Wie können wir uns von den Exporten lösen?

In Deutschland werden nur auf einem geringen Teil der heimischen landwirtschaftlichen Nutzflächen pflanzliche Lebensmittel angebaut. Auf mehr als 50 Prozent der Flächen werden Futtermittel für Tiere angebaut, deren Produkte wiederum zur Hälfte exportiert werden. Gleichzeitig importieren wir große Teile der Futtermittel aus dem Ausland. Wenn wir unseren Fleischkonsum reduzieren, können wir unsere landwirtschaftlichen Flächen stärker für die Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln nutzen, die direkt verzehrt werden. Das würde nicht nur in den ärmeren Ländern die Nahrungsmittelsicherheit erhöhen, sondern auch bei uns.

Die Lebensmittelverluste entlang der ganzen Lieferkette sind das andere große Problem. Rechnet man den Teil an Lebensmitteln, die später entsorgt werden, in Fläche um, so werden dafür allein 13 Prozent genutzt. Das beginnt schon kurz nach der Ernte, durch nicht sachgemäße Lagerung und durch Verluste beim Transport. Aber einen nicht geringen Anteil haben wir als Konsumentinnen, die einen erheblichen Teil der eingekauften Lebensmittel wieder wegwerfen.

Reichen denn die Flächen Brandenburgs aus, um sich und Berlin selbst zu versorgen?

Bei Getreide wäre noch eine Selbstversorgung von Berlin und Brandenburg möglich. Was fehlt, sind Flächen zur Produktion von Gemüse oder zum Beispiel von Beerenobst. Man muss ja nicht überall alles anbauen. Ökologisch sinnvoller ist es, jeweils die Nahrungsmittel dort anzubauen, wo sie an die regionalen Bedingungen angepasst sind. Aber in den letzten zehn bis 15 Jahren hat sich die Brandenburger Landwirtschaft vorwiegend am Weltmarkt ausgerichtet. Es wurde angebaut, was sich auf den Böden in großen Mengen produzieren und gut auf dem Weltmarkt verkaufen ließ. Nicht das, was in Berlin und Brandenburg verlangt wurde. Die Corona-Krise machte dann die Abhängigkeiten deutlich. Schiffe lagen fest und die Futtermittelpreise stiegen. Langsam findet ein Umdenken statt, auch in den Bauernverbänden.

Sind die einheimischen Landwirte dann noch konkurrenzfähig?

Die globalen Wertschöpfungsketten bestimmen sich hauptsächlich über den Preis. Es ist unwahrscheinlich, dass wir in Europa mittel- und langfristig mit den Lohnkosten anderer Länder mithalten können. Auch wenn wir versuchen, billige Arbeitskräfte zu rekrutieren, wird es immer jemanden geben, der uns bei den Lohnkosten unterbietet. In Europa besteht die Chance darin, auf Qualität zu setzen. Wenn wir weniger und dafür qualitativ hochwertiges, extensiv erzeugtes Fleisch essen, kommt das zum einen dem Tierwohl zugute. Eine stärkere regionale Selbstversorgung mit hochwertigen Lebensmitteln bringt zum anderen eine höhere Sicherheit für die Landwirte mit sich, die nicht mehr von den täglich schwankenden Weltmarktpreisen abhängig sind.

Wie schnell kann so eine Umstellung auf geringeren Fleischkonsum gelingen?

Ich glaube, das ist ein langfristiger Prozess. Es hat viel mit Information und Überzeugungsarbeit zu tun, aber auch damit, dass das gute Fleisch überall dort angeboten wird, wo wir uns täglich bewegen und essen. Ich leite auch das Projekt "GanzTierStark", in dem regionales Bio-Rindfleisch in Kantinen eingesetzt wird. Zusammen mit dem Studentenwerk in Frankfurt (Oder) und der Kantine der Berliner Stadtreinigung (BSR) werden leckere Gerichte mit geringerer Fleischeinwaage angeboten, wodurch die Umstellung ohne oder nur mit geringen Preiserhöhungen möglich ist. Da gibt es so gut wie keine Beschwerden von Kantinengästen, sondern hohe Akzeptanz. Bei den jungen Studierenden sicherlich in etwas höherem Ausmaß als bei der BSR, wo zum Teil harte körperliche Arbeit geleistet wird, aber man merkt, dass ein Umdenken in Gang ist.

Können wir uns das finanziell leisten?

Höhere Lebensmittelpreise müssen natürlich sozial abgefedert werden. Auch die steigenden Mieten spielen eine Rolle: Während wir immer weniger für Lebensmittel ausgeben, ist der Anteil der Wohnkosten von unserem Einkommen erheblich gestiegen. Aber gesündere Ernährung bedeutet auch geringere Kosten im Gesundheitswesen, weniger intensive Tierhaltung bedeutet weniger Nitrat im Grundwasser, das aufwendig wieder aus dem Trinkwasser entfernt werden muss und mehr Gerechtigkeit für Menschen in ärmeren Ländern – letztlich geht daher aus Gründen der Ernährungssicherheit, des Klimaschutzes und der sozialen Gerechtigkeit kein Weg daran vorbei.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Andreas Heins.

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