Interview | Ende der kostenfreien Bürgertests - "Alle haben die gleichen Fragezeichen in den Augen"

Do 30.06.22 | 12:16 Uhr
Symbolbild: Ein Schild aus Pappe deutet auf ein Corona-Testzentrum. (Quelle: imago images/V. Hohlfeld)
Bild: imago images/V. Hohlfeld

Ab Donnerstag gibt es keine kostenlosen Corona-Bürgertests mehr, doch in den Testzentren ist noch vieles unklar. Im Interview spricht der Präsident der Landesapothekerkammer über die Ausnahmen und über die schwierige Dokumentation.

rbb24: Herr Dobbert, seit Donnerstag gibt es keine kostenlosen Corona-Bürgertests mehr. Pro Test müssen dann drei Euro bezahlt werden. Doch es gibt eine Ausnahmeregelung. Für wen gilt diese Ausnahme?

Jens Dobbert: In der Tat ist es so, dass wir eine neue Testverordnung haben. Die wurde am Mittwoch veröffentlicht. Wir stehen jetzt Kopf und versuchen das zu sortieren und herauszufinden, wie wir in den Testzentren damit umgehen können. Es gibt eine ganze Reihe von Bürgerinnen und Bürgern, die weiterhin Anspruch auf kostenlose Tests haben. Kinder unter fünf Jahren gehören dazu, Personen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, Schwangere im ersten Trimester, Personen, die sich in einer klinischen Studie befinden, Personen, die sich in Quarantäne befinden und freigetestet werden, Besucher oder behandelnde Personen in Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen, Pflegeeinrichtungen oder solche für Menschen mit Behinderungen, Dialysezentren, ambulante Pflege-Mitarbeiter oder Mitarbeiter von Entbindungseinrichtungen haben weiter Anspruch auf kostenlose Tests. Dazu gehört aber auch, das ist neu, dass sich pflegende Angehörige testen lassen können.

Wie wird das denn in den Testzentren, beispielsweise in den Apotheken, gehandhabt? Wie kann ich denn nachweisen, dass ich beispielsweise einen Verwandten im Krankenhaus besuchen möchte?

Das kann ich Ihnen so gar nicht sagen. Der Minister sprach in seiner Pressekonferenz von einem Formblatt, das die Krankenhäuser ausstellen. Das ist ein riesiges Durcheinander, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Krankenhäuser Formblätter ausstellen, auf denen steht, dass Herr Müller, Maier, Schulze seine Ehefrau, seine Oma oder seine Tochter im Krankenhaus besucht. Auf der Seite des Bundesministeriums für Gesundheit exisitert ein formloser Vordruck. Ich empfehle wirklich, den runterzuladen und sich den vor dem Besuch im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung abstempeln zu lassen. Wir in den Testzentren wissen nicht, was wir alles dokumentieren müssen. Das ist alles nicht eindeutig geregelt. Wir wissen auch nicht, ob wir kontrolliert werden, denn es sind in den letzten Monaten auch einige Betrüger unterwegs gewesen. Kontrollen sind gut, aber dann müssen wir auch wissen, was wir alles dokumentieren müssen. Ich hatte heute zum Beispiel in meinem Testzentrum eine Dame, die ist pflegende Angehörige. Die hat mir zum Beispiel ein Schreiben der Pflegekasse mitgebracht. Das habe ich mir abgelegt. Trotzdem ist nicht geregelt, was wir dokumentieren müssen.

Sie beschreiben ein riesiges Durcheinander, es gibt viele Unklarheiten. Gibt es denn schon Signale, dass die Anweisungen noch konkreter werden?

Nach meinem Kenntnisstand ist mir nichts bekannt.

Sie betreiben selbst ein Testzentrum in Ihrer Apotheke, wie haben sie sich auf den Donnerstag eingestellt?

Bei uns ist es so geregelt, dass die Bürger eine Selbstauskunft mitbringen, ausgefüllt und unterschrieben. Bei meinem Anmeldeformular ist das schon hinterlegt, in der Datenschutzerklärung, die auch jeder unterschreiben muss und die wir auch dokumentieren müssen. Beim Großteil der Leute, die zu mir zum Testen kommen, man kennt sich zum Teil ja schon über Jahre, weiß man es, beispielsweise wenn sie zu pflegende Angehörige haben. Wir werden sie dennoch auffordern und werden auch das Formblatt mitgeben, sodass das abgestempelt wird. Wer zum Beispiel zu einem Konzert gehen möchte und einen Test braucht, muss drei Euro zahlen. Die Kunden müssen diesen Konzertbesuch dann mit einer Eintrittskarte belegen. Auch die werde ich kopieren und entsprechend ablegen. Die Gefahr ist groß, dass die Testzentren kontrolliert werden, also muss ich das dokumentieren, um die entsprechende Vergütung zu bekommen.

Sie sind der Präsident der Brandenburger Landesapothekerkammer. Haben Sie zuletzt von Ihren Kollegen ähnliche Verunsicherungen gehört?

Ich war am Mittwoch auf Bundesebene auf einer Sitzung, da trifft man Kollegen aus der ganzen Bundesrepublik. Die haben genau die gleichen Fragezeichen in den Augen, wie wir alle. Es ist ein großes Durcheinander und es gibt auch keinen Vorlauf. Man hätte das auch entspannt mit zwei oder drei Wochen Vorlauf regeln können. Dann könnten sich auch die Gesundheitsämter entsprechend anpassen, die kassenärztliche Vereinigung kann ihre Abrechnung anpassen, die Testzentren könnten sich entsprechend vorbereiten. Dann gäbe es keine solche Nacht- und Nebelaktion. Aber seit der Pandemie wissen wir, dass es immer so schnell geht, wie es jetzt geht. Ich habe große Bedenken, dass wir im Herbst vor der selben Situation stehen, wir vor dem letzten Herbst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Thomas Krüger für Antenne Brandenburg. Für die Online-Fassung ist es gekürzt und redigiert worden, wurde aber inhaltlich nicht verändert.

Was Sie jetzt wissen müssen

Sendung: Antenne Brandenburg, 30.06.2022, 14:40 Uhr

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