Gegenwart und Zukunft - Hertha hat ein Linksverteidiger-Problem

Sa 12.11.22 | 09:59 Uhr | Von Marc Schwitzky
Herthas Linksverteidiger Marvin Plattenhardt (links) und Maximilian Mittelstädt im Zweikampf beim Training (imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Herthas Linksverteidiger Marvin Plattenhardt und Maxi Mittelstädt liefern sich seit Jahren einen Konkurrenzkampf. Nun laufen ihre Verträge aus und der Klub muss sich für eine Richtung entscheiden. Auch Eigengewächs Lukas Ullrich spielt dabei eine Rolle. Von Marc Schwitzky

Im Leben sind Konstanten etwas Wichtiges. Dinge, an denen sich festgehalten und orientiert werden kann. Hertha-Fans suchten solche Leitplanken in den vergangenen, so chaotischen Jahren nahezu vergeblich. Seit 2019 hat es acht verschiedene Trainer, zwei Geschäftsführer Sport, zwei Vereinspräsidenten, etliche Mitarbeiterwechsel und insgesamt 85 Spielertransfers gegeben.

Fast nur eines bei der "alten Dame" hat sich nicht verändert: Der Zweikampf zwischen Marvin Plattenhardt und Maximilian Mittelstädt auf Herthas Linksverteidiger-Position. Seit mittlerweile sechs Jahren führen die beiden Abwehrspieler ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Platz hinten links. Der jahrelange Konkurrenzkampf zwischen ihnen hat jedoch nicht für ein ständiges Überbieten der jeweiligen Leistung, sondern zu einer eigenartigen Stagnation geführt. Die Linksverteidiger-Position wurde zum Sorgenkind des Kaders.

Plattenhardt: Kapitänsamt veränderte Rollenverteilung

Im Sommer entschied das neue Trainerteam, dass Plattenhardt Dedryck Boyata als Teamkapitän ablösen soll. Nicht wenige im Vereinsumfeld waren von dieser Entscheidung überrascht. Schließlich wird der gebürtige Filderstädter als introvertiert und eher wortkarg wahrgenommen. Zumal Plattenhardt vor seinem Zwischenhoch unter Felix Magath – er war mit vier Vorlagen und einem Tor maßgeblich am Klassenerhalt beteiligt - schon längere Zeit keine zentrale sportliche Rolle mehr gespielt hatte.

Schwarz argumentierte damit, dass Plattenhardt, auch aufgrund seiner vielen Jahre bei Hertha in der Mannschaft sehr respektiert sei. Auch Monate später zeigt sich Herthas Trainer von der Entscheidung überzeugt: "Platte ist intern ein wichtiger Ansprechpartner, er füllt die Aufgabe hervorragend aus."

Mit der Ernennung zum Kapitän ging die Schlussfolgerung einher, dass Plattenhardt im Zweikampf mit Mittelstädt vorerst die Nase vorne haben wird. Schließlich sollte der Binden-Träger die meiste Zeit auf dem Feld stehen, auch wenn Schwarz stets das Leistungsprinzip betont.

Auch hier lobt der Trainer seinen Kapitän. Er gäbe der Mannschaft viel "defensive Stabilität", doch auch von ihm erwarte Schwarz "mehr Offensivläufe." Mittelstädt mache es ebenfalls gut, habe "mehr den Drang nach vorne." Schwarz wolle von Spiel zu Spiel abwägen, welcher Spielertyp eher gefragt ist und demnach aufstellen. Die Hierarchie ist jedoch sehr klar: Plattenhardt, wenn fit, ist in bislang jedem Ligaspiel Startelfspieler gewesen, Mittelstädt kommt über die Rolle des Ersatzspielers und Jokers nicht hinaus.

Ist Plattenhardt tatsächlich besser als Mittelstädt?

Doch sollte die Rangordnung so klar sein? Geben die Zahlen her, dass Plattenhardt per se gesetzt ist? Ein genauer Blick legt nahe: nein. Zunächst zu den von Schwarz gelobten Defensivqualitäten Plattenhardts. In seiner Zweikampfbilanz ist er vergleichsweise durchschnittlich, in der laufenden Saison führt und gewinnt er kaum mehr Duelle als der europäische Mittelwert. Zumindest im Verteidigen von Dribblings stellt sich Plattenhardt gut an. Düster hingegen wird es bei der Anzahl abgefangener Bälle: mit nur durchschnittlich 0,65 pro Spiel bewegt er sich in den schlechtesten elf Prozent Europas (alle Zahlen stammen von fbref via Opta).

Hier wird ein entscheidender Unterschied zu Mittelstädt deutlich. Dieser bewegt sich nicht nur in den besten zehn Prozent, was das Führen und Gewinnen von Zweikämpfen angeht. Er führt jene Duelle auch deutlich höher im Feld und ist zudem einer der besten Balleroberer europaweit. Mit 2,77 abgefangenen Bällen pro Spiel – somit zwei mehr als Plattenhardt – bewegt er sich im besten einen Prozent der Top-Ligen. Kurzum: Mittelstädt führt und gewinnt mehr Zweikämpfe als Plattenhardt, darüber hinaus fängt er deutlich mehr Bälle ab. Zudem blockt das Eigengewächs auch sehr viel mehr Flanken pro Spiel ab. In jeder relevanten Defensivstatistik weist Mittelstädt die klar besseren Werte auf.

Mittelstädt passt besser zum Schwarz-Fußball

Es könnte als Gegenargument ins Feld geführt werden, dass Mittelstädt mehr individuelle Defensivpatzer wie Handspiele unterlaufen als es bei Plattenhardt der Fall ist. Nur ist das eine Definitionsfrage, denn Plattenhardt hat ebenfalls Eigenschaften, die teils auf direkte Weise zu Gegentoren führen.

Besonders in der laufenden Spielzeit fällt auf, dass er regelmäßig viel zu mittig verteidigt, teilweise zu einem dritten Innenverteidiger wird und den gegnerischen Außenbahnspieler aus den Augen verliert. Dieser hat dann oft zu leichtes Spiel für Flanken oder den eigenen Abschluss. So sind bereits mehrere Gegentore entstanden, nur werden solche Aktionen seltener als individueller Fehler gelesen als es beispielsweise bei einem Handspiel der Fall ist. Mittelstädt liest das Spiel besser als Plattenhardt, dem immer mehr die Handlungsschnelligkeit fehlt. Mittelstädts proaktives Spiel sollte somit eigentlich besser zu dem mutigen und dynamischen Stil, den sich Schwarz vorstellt, passen.

Auch offensiv, das sprach Schwarz selbst an, hat der 25-Jährige die Nase vorne. Mittelstädt produziert durch seine Läufe, Dribblings, Pressing-Aktionen und Pässe statistisch mehr Torgefahr als sein Konkurrent – während Mittelstädt dort in den europäischen Top-Drei-Prozent liegt, rangiert Plattenhardt in den besten 20 Prozent. Bei Plattenhardt schwingt stets eine Ehrfurcht für seine Flanken und Standardsituationen mit, doch in der laufenden Saison hat er erst einen Treffer vorbereitet. Das Zwischenhoch unter Magath, als er Tor um Tor auflegte, ist wieder vorbei. Fehlt diese Stärke, steuert Plattenhardt offensiv kaum etwas bei. Mittelstädt ist auch hier der weniger eindimensionale Spieler.

Wie sieht Herthas Linksverteidigung der Zukunft aus?

Rein sportlich ist es bislang eine schwache Saison von Marvin Plattenhardt. Und doch hat der 30-Jährige als Kapitän einen Stammplatz inne. Diese Schieflage hat Konkurrent Mittelstädt bereits in der vergangenen Transferperiode beschäftigt. "Natürlich macht man sich da Gedanken", sagte er zwei Wochen vor Transferschluss. Zu einem Wechsel kam es nicht mehr, wohl auch, weil Hertha so kurzfristig keinen Ersatz gefunden hätte. An der Rolle als Ersatzspieler hat sich in den vergangenen Monaten jedoch nichts geändert, sodass wohl eine Trennung bevorsteht. Mittelstädt wird seine besten Jahre als Fußballer nicht auf der Bank verbringen wollen.

Hertha BSC steht vor einer richtungsweisenden Entscheidung auf der Linksverteidiger-Position. Die Verträge von Plattenhardt und Mittelstädt laufen jeweils am Saisonende aus und es wird wohl nur einer von beiden gehalten werden können. Es erscheint derzeit unrealistisch, dass Hertha Plattenhardt im Sommer zum Mannschaftskapitän macht, um sich nur ein Jahr später von ihm zu trennen. Hier ist die Vertragsverlängerung deutlich wahrscheinlicher, auch wenn zuletzt die sportlichen Argumente etwas gefehlt haben.

Toptalent Ullrich könnte verschreckt werden

Allerdings ist auch Lukas Ullrich ein Faktor in Herthas Rechnung. Der 18-Jährige ist seit 2015 bei den Berlinern, gilt seit Jahren als großes Talent auf der Linksverteidiger-Position und spielt zurzeit bei U23. Mit seinem sehr mutigen und dynamischen Spielstil passt er bestens in den Schwarz-Fußball. Bereits im vergangenen Sommer soll Ullrich einen Vereinswechsel forciert haben sollen – an ihm sind mehrere Bundesligisten interessiert – doch Hertha schob einen Riegel vor. Seitdem versucht die Vereinsführung, ihn langfristig an den Verein zu binden – auch sein Vertrag endet im Sommer 2023. "Wir wollen sehr gerne mit ihm verlängern", positionierte sich Schwarz vor wenigen Tagen, der Ullrich "definitiv" nahe an einer Nominierung für den Bundesliga-Kader sieht.

Klar ist: nach Luca Netz kann es sich Hertha nicht leisten, einen weiteres Toptalent auf dieser Position zu verlieren. Eben auch, weil der Klub finanziell so angeschlagen ist, dass die Einbindung der eigenen Jugend hohe Priorität hat. Eine Vertragsverlängerung mit Plattenhardt als absolutem Platzhirsch könnte das falsche Signal an Ullrich sein, der dann womöglich keine Perspektive für sich sehe.

Darüber hinaus muss Geschäftsführer Fredi Bobic eine Lösung für Fredrik Andre Björkan finden, der bei Leih-Klub Feyenoord Rotterdam keinerlei Spielpraxis bekommt und im Winter frühzeitig nach Berlin zurückkehren könnte. Die Verpflichtung des 24-jährigen Norwegers im vergangenen Januar konnte bereits als Absichtserklärung verstanden werden, dass der Klub mit seinen Linksverteidigern nicht zufrieden ist, nur ging diese Idee (noch) nicht auf.

Somit wird es wohl noch im kommenden Winter zu harten Entscheidungen auf dieser Position kommen. Bobic muss viele Frage- in Ausrufezeichen verwandeln und Klarheit schaffen. Hertha befindet sich hier in einer sehr komplexen Gemengelage – aber das kennt man an der Hanns-Braun-Straße ja nicht anders.

Sendung: rbb24, 11.11.2022, 18 Uhr

Beitrag von Marc Schwitzky

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