Zwischenfazit - Fünf Lehren, die Hertha BSC in die Winterpause mitnimmt

Mo 14.11.22 | 06:05 Uhr | Von Lynn Kraemer
Hertha-Spieler laufen auf die Ostkurve im berliner Olympiastadion zu (Bild: Imago/Nordphoto)
Bild: Imago/Nordphoto

Einfach war die bisherige Hinrunde für Hertha BSC nicht. Wenige Tore, wenige Punkte und immer noch Chaos hinter den Kulissen. Und doch überwintert die Mannschaft auf einem Nichtabstiegsplatz. Von Lynn Kraemer

1. Der Erneuerungsprozess braucht Zeit

Der Tabellenkeller ist kein schöner Ort. Es lauert der Abstieg und viele Punkte, um sich einzurichten, gibt es auch nicht. Auf der obersten Stufe der Kellertreppe zu stehen, ist für Hertha BSC keine ungewohnte Erfahrung. Dort zu überwintern, hätten die Berliner vermutlich trotzdem lieber einem anderen Klub überlassen. Dass in der Geschäftsstelle und unter den Fans beim 15. Platz bisher keine große Panik ausbricht, liegt auch daran, dass die Blau-Weißen inzwischen ungefähr wissen, wo der Lichtschalter im Keller ist, und dass meistens noch genug Zeit ist, um diesen zu erreichen.

Mannschaft und Fans gehen optimistisch in die vorgezogene Winterpause. Der zweite Heimspielsieg der Saison hat ihnen Raum verschafft. "Das war auch ein sehr aufregendes Jahr für unsere Fans. Es ging auf und ab. Deswegen ist es jetzt extrem wichtig, dieses positive Gefühl mit ins neue Jahr zu nehmen", sagte Marco Richter nach dem 2:0-Erfolg gegen Köln.

Präsident Kay Bernstein hat dem Verein nicht nur einen neuen Schub Euphorie, sondern auch Realismus geschenkt. Statt wie in den Vorjahren den Trainer anzuzählen, gab und gibt sich Hertha BSC etwas mehr Zeit, um sich zu orientieren. Es herrscht Sparzwang und der Verein muss mit dem arbeiten, was er aktuell hat. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich die Berliner in der 70-tägigen Winterpause keine richtige Auszeit erlauben können. Bei einer Heimniederlage gegen Köln hätte die Tabellensituation anders ausgesehen. Trainer Sandro Schwarz muss aus dem schöneren Fußball seiner Mannschaft einen ergebnisorientierteren Fußball machen.

2. Hertha ist vor dem Tor zu ungefährlich

19 Tore in 15 Spielen sind wahrlich kein Grund, um anzugeben. Dass drei der Hertha-Tore durch Elfmeter entstanden, verdeutlicht die häufige Kreativlosigkeit der blau-weißen Offensive noch mehr. Hertha erzielte in keinem einzigen Spiel mehr als zwei Tore.

Und ohne Dodi Lukebakio würde es deutlich schlechter aussehen. Sieben Tore gehen auf das Konto des 25-Jährigen, der aktuell ein Formhoch erlebt und seinen Marktwert nach oben getrieben hat. Lukebakio zeigt gerade bei Kontermöglichkeiten seine Schnelligkeit und verhilft seiner Mannschaft so zu Torchancen. Um sich bis zum Saisonende abzusichern, bräuchte Hertha mindestens noch einen weiteren Spieler, der kontinuierlich trifft. Suat Serdar und Marco Richter trafen bisher drei Mal, Lucas Tousart und Wilfried Kanga kommen jeweils auf zwei Treffer.

3. Hertha kann immer noch keine Ecken

Eigentlich lassen sich Spielzüge nach ruhenden Bällen gut im Training einstudieren, doch genau an dieser Stelle hapert es bei Hertha BSC schon länger. Drei der vier Tore nach Standardsituationen waren Elfmeter, sonst verliefen die Versuche meist ins Leere. Besonders gravierend ist Herthas Standardproblem bei Ecken. Seit der vorletzten Saison haben die Berliner lediglich zwei Tore nach Eckbällen erzielt. In dieser Saison gelang es noch gar nicht. So blieben gegen Köln alle zehn Ecken wirkungslos. In Herthas Winterprogramm, das neben mehreren Testspielen auch ein Trainingslager in Florida vorsieht, sollte für diese Baustelle Zeit eingeräumt werden.

4. In der Schlussphase ist zu oft die Luft raus

Mehr als einmal hat sich Hertha BSC in dieser Saison schon zu früh gefreut. Und dann kam ein spätes Gegentor. Leverkusen sicherte sich einen Punkt durch ein Ausgleichstor von Patrik Schick in der 79. Minute, Anthony Caci traf für Mainz in der 94. Minute und zuletzt gelang Konstantinos Mavropanos in der 98. Minute für Stuttgart der Siegtreffer. Würden Bundesliga-Spiele nur 75 Minuten dauern, wäre das blau-weiße Punktekonto deutlich besser gefüllt. Statt an der Kellertreppe würden die Berliner eher im Erdgeschoss oder vielleicht sogar im ersten Stock stehen.

Hertha kassierte zwar erst 22 Gegentore und damit deutlich weniger als zum vergleichbaren Zeitpunkt der letzten Saison, doch in der Schlussphase macht sich zu oft bemerkbar, dass die dauergefragte Defensive irgendwann nachlässt.

5. Das Mantra wirkt

Wer keine großen Erwartungen hat, kann nicht enttäuscht werden. Seit Monaten predigen das Trainerteam und die Führungsriege, dass man auf dem richtigen Weg sei. Erfolge wurden entsprechend gefeiert, lösten aber keine überzogene Euphorie aus. Das sorgte, bezogen auf die sportliche Leistung, insgesamt für ein gutes Mannschafts- und Vereinsklima. Trotz der überschaubaren Punkteausbeute kamen im Schnitt über 50.000 Zuschauende ins Olympiastadion.

"Wir wollen mit Überzeugung Fußball spielen, komplett bei uns bleiben und Woche für Woche Leistung abrufen", sagte Trainer Sandro Schwarz am Tag nach dem Köln-Spiel auf der Mitgliederversammlung. Er sei davon überzeugt, dass man so Ende Mai dort stehe, wo man hingehöre. Auch nach der Winterpause wird Hertha BSC genug mit sich selbst zu tun haben.

Sendung: rbb UM6, 13.11.22, 18 Uhr

Beitrag von Lynn Kraemer

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