Orthodoxe Ukrainer in Berlin - "Ostern schenkt uns die Hoffnung auf unseren Sieg"

Sa 23.04.22 | 07:55 Uhr | Von Carmen Gräf
Oster-Dekoration auf der die Aufschrift "Mit Ukraine im Herzen" zu sehen ist. (Quelle: dpa/Dominika Zarzycka)
Audio: Inforadio | 23.04.2022 | Carmen Gräf | Bild: dpa/Dominika Zarzycka

Eine Woche nach Katholiken und Protestanten feiern orthodoxe Christen am Sonntag Ostern. Für geflüchtete Ukrainer wird dieses Osterfest vom Krieg in ihrem Heimatland überschattet. Eine Berliner Gemeinde erwartet besonders viele Gläubige. Von Carmen Gräf

In der Nathanael-Kirche in Schöneberg stehen ein Dutzend Menschen und packen Hilfspakete für die Ukraine. Babynahrung, Windeln, haltbare Lebensmittel, Medikamente werden dort dringend gebraucht. Die Kirche ist eine der Sammelstellen des Vereins Ukraine-Hilfe-Berlin.

In dem evangelischen Kirchenhaus am Grazer Platz hält aber auch die orthodoxe Gemeinde des heiligen Apostels Andriy ihre Gottesdienste ab, so auch an Ostern. Die orthodoxe Kirche richtet sich nach dem julianischen Kalender. Das Osterfest findet deshalb im Durchschnitt zwei Wochen später statt als das Fest der evangelischen und katholischen Kirche, dieses Mal ist es genau eine Woche später.

Ukrainer meiden russisch-orthodoxe Kirche

Pfarrer Olek Polianko bittet kurz um Ruhe und stimmt einen liturgischen Gesang an. Die Helfer hören bewegt zu. Vorbereitung für den Ostergottesdienst, der traditionell in der Nacht von Samstag auf Sonntag um Mitternacht stattfinden wird. Etwa 500 Mitglieder hat die Gemeinde des heiligen Apostels Andriy. "Diesmal erwarten wir besonders viele Gläubige," sagt Küster Andriy Ilin. Er hat die Gemeinde vor sieben Jahren mitbegründet. Im letzten Jahr seien noch viele Ukrainer und Ukrainerinnen in die russisch-orthodoxen Kirche gegangen. "Ich glaube nicht, dass sie das in diesem Jahr tun werden", vermutet der Küster.

Die orthodoxen Christen begrüßen sich an Ostern mit einem besonderen Gruß, erklärt er: "Christos voskrese. Voistinu voskrese." Das heißt: "Christus ist auferstanden." Und der Andere antwortet: "Der ist wahrhaftig auferstanden."

Wenig Schlaf in der Osternacht

Viel Schlaf bekommen die Gläubigen nicht in der Osternacht, denn nach dem Mitternachtsgottesdienst ist der nächste schon wieder um sechs Uhr früh. Der ist mit einem orthodoxen Brauch verbunden. Die Gläubigen bringen Körbchen mit Brot, Wurst, Käse und Ostereiern in die Kirche. Die werden vom Priester geweiht. "Für manche Menschen ist das Weihen dieser Körbchen viel wichtiger als der Gottesdienst selbst," sagt Anriy Ilin.

In den Körbchen leuchten die Ostereier in satten Braun-, Orange-, und Lilatönen. "Pysanka" werden sie in der Ukraine genannt, erklärt Ilin. Die Eier werden mit traditionellen Mustern verziert. Jedes ukrainische Gebiet habe eigene Motive.

Keine Osterstimmung bei den Gläubigen

Ostern ist für viele Ukrainer ein Fest der Familie. Auch für Andriy Ilin, der für sein Studium nach Berlin zog und hier mit Frau und Kind lebt. In Gedanken ist er aber bei seinen Angehörigen in der Ukraine. "Ich habe keine österliche Stimmung", sagt er. „In diesem Jahr, in dem die Ukraine brennt, von Russland angezündet, und in dem Raketen auf friedliche Städte fallen." Es werde diesmal kein Fest geben im eigentlichen Sinn. "Aber Ostern schenkt uns die Hoffnung - die Hoffnung auf unseren Sieg."

Andriy Ilin ist in engem Kontakt mit seinen Verwandten und mit ukrainischen Einrichtungen, die Hilfsgüter verteilen. Er telefoniert, organisiert und delegiert quasi rund um die Uhr. Jede Woche fahren mehrere Hilfstransporte - von Kleinbussen bis Lkw in die Ukraine, vollgepackt mit Lebensmitteln und Medikamenten.

Beten für den Frieden

Anton Dorcaloc gehört zum Helferteam. "Es ist eine schwierige Situation und zugleich ein gutes Gefühl zu helfen", sagt er. "Mit anzupacken, wo direkte Hilfe gebraucht wird - das erfüllt mich auch persönlich." Er kommt aus Winnyzja, südwestlich von Kiew. Von dort ist die russische Armee zwar abgezogen, Frieden aber nicht in Sicht. Die Hoffnung darauf wollen die ukrainischen Gläubigen jedoch nicht aufgeben.

Sendung: Inforadio, 23.04.2022, 11:30 Uhr

Beitrag von Carmen Gräf

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