Interview | Freiwilliger Helfer am Hauptbahnhof - "Dort herrscht eine wahnsinnige Not"

Sa 05.03.22 | 18:31 Uhr
Geflüchtete aus der Ukraine werden am Berliner Hauptbahnhof versorgt (Quelle: Bernhard Moser)
Bild: Bernhard Moser

Eigentlich wollte Bernhard Moser das Feinschmeckerfestival Eat Berlin vorbereiten. Doch das Leid der Menschen aus der Ukraine, die in Berlin ankommen, haben ihn zum Umdenken bewogen. Jetzt widmet er sich ganz der Hilfe für die Flüchtlinge.

rbb|24: Herr Moser, Sie haben die Eat Berlin, eines der wichtigsten Feinschmeckerfestivals, von einem Tag auf den anderen abgesagt, beziehungsweise in den Herbst verschoben. Wie kam es zu der Entscheidung?

Berhnhard Moser: Wir haben es tatsächlich verschoben. Es ist so, dass ich seit einiger Zeit im Präsidium der DEHOGA [Anm. d. Redaktion: Deutscher Hotel- und Gaststättenverband Berlin] bin. Ich war vor ein paar Tagen [Anm. d. Redaktion: am Mittwoch] am Berliner Hauptbahnhof, weil wir für 500 Menschen Essen hingebracht haben. Ich war völlig schockiert. Ich weiß gar nicht, ob es ein bisschen kitschig klingt, aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich so eine kalte Hand gespürt. Wir haben gemerkt, dass dort eine wahnsinnige Not herrscht.

Zur Person

Bernhard Moser (Archivbild) (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
dpa/Christoph Soeder

Bernhard Moser ist Österreicher, lebt seit 2001 in Berlin. Er leitet eine Weinschule in Charlottenburg und ist Mitgründer und Chef der Eat Berlin, die weltweit zu den wichtigsten Feinschmeckerfestivals gerechnet wird. Er arbeitet im Präsidium des deutschen Gaststätten- und Hotelverbandes Berlin.

Was war das für ein Gefühl für Sie? Haben Sie den Entschluss spontan gefasst, das Festival zu verschieben und hier den Menschen zu helfen?

Naja, was will man halt machen? Einerseits verbringen wir den ganzen Tag damit und organisieren ein Gourmet-Festival und (bricht kurzzeitig ab, den Tränen nahe, weint) man versucht, da irgendwie High-End Essen und ein Festival zu organisieren. Und am anderen Ende merkt man halt dieses wahnsinnige Elend, und man merkt es halt vor Ort mit den Menschen direkt. Genau das war ganz, ganz extrem. Und dann habe ich gesagt, wir müssen uns jetzt darum kümmern.

Die Vorbereitung auf das Festival liefen im vollen Gange?

Wir hatten es geplant für den 16. bis 26. Juni. Das haben wir jetzt einfach in den Herbst verschoben. Wir sind halt Profis, wenn es darum geht, Essen für Menschen zu besorgen. Und das muss halt nicht immer ein Guide Michelin Sterne Essen sein, sondern ab und zu geht es halt auch darum, dass Menschen einfach ein Sandwich haben, um ihren Hunger zu stillen.

Ich sehe, wie sehr Sie das gerade angeht. Wurde Ihnen im Hauptbahnhof das Festival von einem Schlag komplett egal?

Egal nicht. Aber wir haben jetzt eine andere Priorität. Wir haben eine Situation, wo Menschen unsere Hilfe brauchen und wo es darum geht, Menschen, die vom Krieg und vom Tod fliehen, Essen zu geben und auch dabei zu helfen, eine Unterkunft zu besorgen.

Sie haben in der Vergangenheit schon des Öfteren mit ihrem Team wohltätige Aktionen durchgeführt, Essen für Obdachlose in Berlin bereit gestellt. Das hier hat noch einmal eine andere Dimension. Wie hat Ihr Eat Berlin-Team reagiert?

Mein Team hat sich wahnsinnig gefreut, weil die allesamt gesagt haben, das fühlt sich nicht richtig an für uns. Es fühlt sich nicht richtig an, ein Gourmet-Festival zu organisieren, während es in Europa diese massiven Probleme gibt.

Wie geht es weiter?

Im Moment versuche ich, mir einen Überblick zu verschaffen. Im Moment schaffen wir erst mal Essen ran. Wir haben gerade erst wieder Essen gebracht, für ungefähr 400 Menschen. Aber es reicht halt nicht. Es ist eine wahnsinnige logistische Herausforderung. Man hat keine Möglichkeit, im Hauptbahnhof zu kochen. Ich würde wahnsinnig gern eine Catering-Küche aufbauen und einfach einen Eintopf machen. Aber es gibt keinen Strom, keine richtige Infrastruktur. Und deshalb sind wir darauf angewiesen, jetzt erstmals Sandwiches, Müsliriegel und für die Kinder auch Süßigkeiten zu verteilen.

Die Hilfsbereitschaft der Berliner ist wahnsinnig beeindruckend. Es werden auch Kindersachen vorbeigebracht. Es geht aber auch darum, dass man diesen U-Bahnhof am Hauptbahnhof jetzt mit Textilien und mit Stofftieren nicht zuschüttet, sondern dass man zielgerichtet sagt, was brauchen die Menschen wirklich? Das Rote Kreuz ist vor Ort, die sich auch um Hygieneartikel und so weiter kümmern. Das funktioniert alles sehr gut. Aber wir haben halt um die 6.000 Menschen, die am täglich ankommen, Tendenz stark steigend. Und denen würden wir gern etwas zu essen in die Hand drücken.

Wie kommen diese Menschen an? Wie erleben Sie das? Was brauchen die am meisten?

Tatsächlich Schlaf.

Sie sagen, das Engagement der Berliner ist riesig groß. Gibt es auch Sachen, die Menschen dahinbringen, die gut gemeint sind, aber nicht funktionieren. Worauf soll man aufpassen?

Menschen bringen zum Beispiel rohe Eier vorbei. Das ist das total nett gemeint, aber am Ende des Tages können wir die nicht zubereiten. Insofern muss man halt einfach gucken, dass das, was da an Hilfe passiert, auch ein Stück weit zielgerichtet ist. Man muss einfach, wenn man was vorbeibringt, darauf achten, dass es Produkte sind, die auch so ein bisschen Haltbarkeit haben. Die man vielleicht einfach in die Jackentasche stecken kann und essen kann, wenn man es braucht.

Sie waren bereits mehrmals am Hauptbahnhof. Was wird alles noch vor Ort gebraucht?

Also am Hauptbahnhof selber sieht die Situation jetzt im Moment relativ sortiert aus, das Rote Kreuz bringt auch viele Dinge mit. Wir verpflegen die Leute. Wir haben eine große Lieferung an Wasser bekommen. Die Hilfsbereitschaft ist da, und es kommen halt immer wieder auch Menschen mit zwei Tüten voll Decken, das ist auf jeden Fall eine gute Idee. Es sind halt auch müde Kinder dabei, die brauchen bestimmt doch mal einen Teddybären. Stofftiere und Kinderbekleidung ist aber auch vorhanden.

Man muss auch wissen, dass die Leute am Hauptbahnhof keine große Verweildauer haben. Sie campieren dort nicht, sondern sie werden relativ schnell in Bussen entweder zu den Flüchtlingsaufnahmezentren innerhalb Berlins gebracht. Das will ich mir noch angucken, weil ich noch nicht dort war. Aber viele fahren einfach weiter nach Paris und in andere Städte.

Wie sehen Sie Ihre Arbeit mit Ihrem Team für die nächsten zwei Wochen?

Das würde ich auch gern wissen. Also wir sind maximal flexibel. Das zeichnet uns als Festivalveranstalter aus. Aber wir wissen ja nicht, wie lange das dauert. Wir wissen nicht, wann Putin aufhört, die Ukraine zu bombardieren und wann diese Flüchtlingswelle aufhört. Das können wir alles noch nicht sagen. Wir wissen nicht, ob das nur die Spitze des Eisbergs ist. Meine Vermutung ist, dass es uns noch über mehrere Wochen begleiten wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Bernhard Moser führte Johannes Paetzold.

 

Sendung: Abendschau, 05.03.2022, 19:30 Uhr

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