Corona-Kampagne nur auf Deutsch - Wieso Berlin eine mehrsprachige Corona-Kommunikation braucht

Mo 02.11.20 | 16:01 Uhr
Ein Zettel mit der Aufschrift Abstand halten in den Sprachen Englisch, Arabisch und Tuerkisch wurde mit Tape an eine Wand geklebt. Berlin, 07.07.2020 (Bild: imago images/Janine Schmitz)
Bild: imago images/Janine Schmitz

Für Menschen ohne Deutschkenntnisse sind rasche Informationen zum Coronavirus in ihrer Sprache notwendig. Der Berliner Senat informierte zu Beginn der Pandemie in elf Sprachen. Doch mit der zweiten Welle zeigen sich Schwachstellen in der Kommunikationsstrategie. Von Efthymis Angeloudis

Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht, Registrierungspflicht. Immer wieder heißt es, dass die von dem Berliner Senat verordneten Maßnahmen gegen das Coronavirus nur wirken können, wenn sie von allen mitgetragen werden. Doch wie soll man sich an Regeln halten können, wenn man sie nicht versteht? Selbst Menschen mit deutscher Muttersprache fällt es oft schwer, den Überlick über die sich rasch ändernen Verordnungen zu behalten. Umso schwerer tun sich derzeit Menschen, die nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen.

Kommunikation funktioniert schleppend

Immerhin haben 777.000 Einwohner der Hauptstadt einen ausländischen Pass. Viele von ihnen sind erst vor wenigen Jahren aus dem Ausland nach Berlin gezogen. Seit dem Ausbruch der Pandemie stellte Berlin deshalb wichtige grundsätzliche Informationen zum Umgang mit dem Coronavirus in elf verschiedenen Sprachen zur Verfügung.

Allerdings wurde die Corona-Kampagne im Oktober, aber auch die Ankündigung verschiedener Maßnahmen nur auf Deutsch kommuniziert. Die Kommunikation zwischen der Senatsverwaltung und den migrantischen Organisationen, die oft mit der Übersetzung der Maßnahmen allein gelassen werden, funktioniere nur sehr schleppend, berichteten migrantische Vereine dem rbb. Übersetzungen der Maßnahmen werden immer erst nachträglich geliefert.

Kein Verständnis während der zweiten Welle

"Beim ersten Mal hatte ich noch Verständnis, aber diesmal hätte ich mir gewünscht, dass wir daraus gelernt hätten und schneller kommunizierten", sagte Kava Spartak von dem Afghanischen Kultur- und Beratungszentrum Yaar e.V. rbb|24 am Donnerstag. Einerseits finde Spartak es gut, dass die Senatsverwaltung Informationen zu gewissen Maßnahmen mehrsprachig und niederschwellig auf ihren Webseiten veröffentlicht. Allerdings wünschen sich migrantische Organisationen einen besseren Austausch mit der Senatsverwaltung. "Ansonsten gibt es doppelte Arbeit und wir und die Senatsverwaltung erreichen weniger Leute."

Integrationsbeauftragte: "Wenn ich mich nicht einsetze, passiert zu wenig."

Frustriert von der Kommunikation der Maßnahmen ist auch Berlins Intergationsbeauftragte Katarina Niewiedzal. "Ich bin ein bisschen verärgert, dass wir seit März wenig gelernt haben", sagte sie dem rbb. Gerade in Zeiten einer Pandemie müsse die Krisenkommunikation in einer Stadt wie Berlin mehrsprachig sein. "Wenn ich mich nicht immer wieder für diese Themen einsetze, passiert leider zu wenig."

Niewiedzal habe sich mich zu Beginn der Pandemie sehr stark für mehrsprachige Informationen eingesetzt. "Wir haben vor allem über Social Media-Kanäle Menschen aus verschiedenen Communities mit offiziellen Informationen versorgt - niedrigschwellig und mehrsprachig."

Denn oft bestehe das Problem, dass sich Migranten oder Geflüchtete, die über geringe Deutschkenntnisse verfügen, über Social Media oder die Medien ihres Heimatlandes informieren, sagte Hamid Nowzari vom Verein Iranischer Flüchtlinge dem rbb. "Auf unseren Facebook Seiten haben wir deswegen die wichtigsten Informationen verbreitet." Flüchtlings und Migrantenverbände hätten sich online getroffen und Vorschläge gemacht, wie sie die Maßnahmen an ihre Landsleute kommunizieren.

"Dieses Vorgehen brauchen wir auch für die zweite Welle", fordert Katarina Niedwiedzal, die Berliner Integrationsbeauftragte auf Anfrage von rbb|24. Mehrsprachige Informationen seien bei einer Krisenkommunikation zwingend notwendig. "Ich versuche innerhalb der Verwaltung für das Thema zu sensibilisieren und Druck zu machen, aber meine Abteilung ist kein Übersetzungsdienst", sagt Niedwiedzal über die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Häusern der Senatsverwaltung.

"Amtssprache ist Deutsch" funktioniert in einer Pandemie nicht

Auch die Linke-Vorsitzende und Abgeordnete Katina Schubert kritisierte aus diesem Grund die Kommunikationstrategie der Berliner Gesundheitsverwaltung. Aufklärung und Kommunikation seien das A und O. Da könne vieles besser laufen. Besonders bei der Nachverfolgung von Kontakten sei es besonders wichtig, Betroffene so anzusprechen, dass diese die Informationen auch verstünden. "Jedes Gesundheitsamt braucht eine Liste von Dolmetschern", sagte sie der Berliner Zeitung.

"Leider habe ich nicht den Eindruck, dass die Ämter hier dazu gelernt haben und auf mehrsprachige Informationen setzen", befürchtet Niewiedzal. Eine mehrsprachige Corona-Hotline in allen Gesundheitsämtern sei zum Beispiel dringend notwendig. Das Dogma "Amtssprache ist Deutsch" funktioniere in einer Pandemie nicht, wo es auf jeden Einzelnen ankomme.

Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten bietet Podcast an

Um das Informationsangebot für Flüchtlinge in Berlin nachzutragen, bietet das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten Berlin (LAF) bietet gemeinsam mit dem Amtsarzt von Reinickendorf seit Mittwoch einen Podcast mit Hinweisen zum Infektionsschutz in 13 Sprachen an [berlin.de]. In dem Podcast wird richtiges Verhalten in der Pandemie und zum Thema Quarantäne erläutert oder Fragen, wie zum Beispiel, warum man Kinder weiter zur Schule schicken sollte, beantwortet.

Man baue damit auf den guten Erfahrungen mit einem ähnlichen Angebot im Frühjahr auf, das auch außerhalb Berlins breit genutzt worden sei, teilte am Mittwoch das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) mit.

Migrantische Vereine: Wir haben doppelt und dreifach aufgepasst

Im Zusammenhang mit den Ursachen der steigenden Corona-Neuinfektionen sind in den vergangenen Wochendennoch immer wieder Großhochzeiten, Reiserückkehrer sowie feiernde Jugendliche aus migrantischen Milieus genannt worden. Das suggeriert, dass Einwanderer ein besonderes Problem in der Krise darstellen.

Dabei stimme es nicht, dass das erhöhte Infektionsgeschehen auf Menschen mit Migrationshintergrund zurückzuführen sei, sagt Niewiedzal. "Das lässt sich weder belegen, noch ist es plausibel: Dafür gibt es zu viele Infektionsherde, die sehr unterschiedlichen Ursprungs sind." Es sei gefährlich, das Corona-Virus zu ethnisieren. In einer Krisensituation werde stets ein Schuldiger gesucht, aber das sei schlichtweg diskriminierend.

Tatsächlich habe man selten Fälle gehabt, wo Newcomer sich nicht an die Regeln halten, erklärte Kava Spartak das Verhalten von Migranten und Geflüchteten. "Wir haben doppelt und dreifach aufgepasst, dass es nicht heißt "die sind schuld, dass Neuinfektionen entstehen."

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