Bis zu sechs Wochen ohne Ausgang - Ketten-Quarantäne in Flüchtlingsheim in Hennigsdorf

So 24.05.20 | 08:27 Uhr | Von Oliver Soos
Ein Wohnblock der Flüchtlingsunterkunft Stolpe-Süd in Hennigsdorf. (Quelle: rbb/Oliver Soos)
Audio: Inforadio | 22.05.2020 | Oliver Soos | Bild: rbb/Oliver Soos

In Brandenburger Flüchtlingsheimen haben sich mindestens 216 Bewohner mit Covid-19 infiziert. Nicht immer funktioniert die Isolation der Erkrankten. Es kommt zu so genannten Ketten-Quarantänen, mit Ausgangssperren von bis zu anderthalb Monaten. Von Oliver Soos

"Ja, ich sehe, dass das ein quälendes Problem ist, wenn Unterkünfte mit großer Enge und schwierigen sanitären Verhältnissen wochenlang, in Serie, unter Quarantäne gestellt werden", sagte Brandenburgs Sozial- und Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) am Mittwoch im Landtagsausschuss. Es klingt nicht nur quälend, sondern auch irrsinnig: Eine Unterkunft, in der es Corona-Infektionen gibt, wird komplett unter Quarantäne gestellt. Alle Bewohner, sowohl positiv als auch negativ getestete, erhalten eine Ausgangssperre von 14 Tagen. Nach einigen Tagen werden die Bewohner dann wieder getestet. Dabei wird festgestellt, dass sich einige neu infiziert haben und so beginnt die 14-tägige Ausgangssperre für alle wieder von vorn.

"Wir kennen Geflüchtete, die sechs Wochen in Quarantäne waren und selbst nie Symptome gezeigt haben. Zum Teil sind das Mütter mit Kindern", sagt Lotta Schwedler vom Flüchtlingsrat Brandenburg. Sie spricht dabei von der Flüchtlingsunterkunft Stolpe-Süd in Hennigsdorf. Betreiber ist hier der Landkreis Oberhavel. Schwedler bezeichnet diesen Landkreis als das Negativbeispiel in Brandenburg. "In Potsdam zum Beispiel wurde sehr schnell gehandelt. Da durften negativ getestete Kontaktpersonen ausziehen. Sie wurden in leerstehenden Hotels untergebracht", erzählt Schwedler. Noch vorbildlicher sei der Landkreis Prignitz. Hier gebe es keine Corona-Fälle, weil die Flüchtlinge mehrheitlich in Wohnungen statt in Massenunterkünften untergebracht seien.

"Plötzlich stoppt mich der Security-Mann"

Die Flüchtlingsunterkunft Stolpe-Süd wurde früher von den Grenztruppen der DDR als Kaserne genutzt. Hinter einem Zaun, der von Sicherheitsleuten bewacht wird, stehen fünf gelb-orange angestrichene Blockbauten. Hier begann alles am 16. April, als eine Reinigungskraft positiv auf Covid-19 getestet wurde. Zwei Tage später verließ Nde Nzongou Barthelemy nichts ahnend die Unterkunft und ging zu seinem Frühdienst. Der Mann aus Kamerun arbeitet als Altenpflegehelfer. Er erzählt, dass er die Verhängung der Quarantäne wie eine böse Überraschung erlebt hat. "Ich habe nach der Arbeit ein bisschen geschlafen und dann wollte ich einkaufen gehen. Plötzlich stoppt mich der Security-Mann am Ausgang und sagt, dass ich nicht raus darf. Die ganze Unterkunft sei unter Quarantäne. Ich war völlig überrascht und habe mit ihm diskutiert und dann hat er die Polizei gerufen", erzählt Barthelemy.

Andere Medien berichten über große Aufregung und kleinere Tumulte in der Unterkunft. „Es kam sehr plötzlich. Wir hatten keine Bescheide bekommen, hatten keine Informationen“, sagt Barthelemy. In den folgenden Tagen werden alle rund 400 Bewohner getestet. 68 haben sich mit dem Coronavirus infiziert, auch Barthelemy. Er beschreibt die Anfangszeit als chaotisch. "Erstmal kam kein Arzt, wir hatten kein Desinfektionsmittel. Erst nach vier Tagen gab es Gesichtsmasken", erzählt der Kameruner. Auch an Essen heranzukommen sei kompliziert gewesen. Man habe Listen ausfüllen und bis zu drei Tage auf die Lebensmittel warten müssen, so Barthelemy.

Ketten-Quarantänen in vier Wohnblocks

Die Bewohner wenden sich an die Öffentlichkeit und fordern in einem offenen Brief mehr Informationen und einen Internetzugang. Der Landrat des Landkreises Oberhavel, Ludger Weskamp (SPD), hat die Unterkunft besucht. Er spricht im Interview mit Radioeins von leichten Symptomen bei den Bewohnern. In den Häusern gäbe es 20 Prozent freie Kapazitäten. Man habe, so gut es geht, kranke und gesunde Bewohner voneinander getrennt, erzählt Weskamp.

Im Fall von Barthelemys Haus hat das geklappt. Er durfte das Gelände nach zwei Wochen wieder verlassen. Dabei muss er als Nachweis ein Bändchen tragen, was er als stigmatisierend und diskriminierend empfindet. Doch immerhin darf er raus. In den anderen vier Wohnblocks kam es bis zuletzt zu Ketten-Quarantänen. "Eine Mutter hat uns verzweifelt angeschrieben, sie wisse nicht mehr, wie sie ihre Kinder beschäftigen soll", erzählt Lotta Schwedler vom Flüchtlingsrat Brandenburg.

Nonnemacher erwägt umstrittene Antikörpertests

Die Linken-Abgeordnete Andrea Johlige kritisierte diese Situation im Landtagsausschuss als "absolute Vollkatastrophe". Sie forderte Sozial- und Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher auf, den Landkreisen Anordnungen zu geben. Nonnemacher betonte, dass Ketten-Quarantänen ein bundesweites Phänomen seien und in Brandenburg nur in Ausnahmefällen vorkämen. Fünf Sammelunterkünfte seien unter Vollquarantäne gestellt worden. Aktuell gäbe es nur in Stolpe-Süd und in einer Einrichtung in Potsdam noch Ausgangssperren, so die Ministerin.

Mittlerweile sei ein Krisenteam des Ministeriums aus Ärzten, Psychologen und Sprachmittlern regelmäßig in den betroffenen Unterkünften im Einsatz, so Nonnemacher. Die Ministerin räumt allerdings ein, dass der Bitte, die Unterkünfte mit WLAN auszustatten und negativ getestete Flüchtlinge in andere Einrichtungen umziehen zu lassen, nur zum Teil nachgekommen sei. Nonnemacher erzählt, dass sie mit den Gesundheitsämtern darüber berät, Antikörpertests in den Flüchtlingsheimen anzubieten, um die Quarantänezeiten für immune Bewohner zu verkürzen. Über die Zuverlässigkeit von Antikörpertests wird in Deutschland noch diskutiert. Doch die Not in den Flüchtlingsheimen rechtfertige eine Ausnahmeregelung, so Nonnemacher.


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Beitrag von Oliver Soos

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