World Cleanup Day - Nur die Spitze des Berliner Müllbergs

Sa 17.09.22 | 08:05 Uhr | Von Jan Menzel
Symbolbild: Eine angekohlte Mülltonne liegt am Boden in der Nähe des Hermannplatzes (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Audio: rbb24 Inforadio | 16.09.22 | Isabel Schönfelder | Bild: dpa/Annette Riedl

2018 hat das Abgeordnetenhaus beschlossen, dass deutlich weniger Abfall produziert werden soll. Seitdem wurden in Berlin zahlreiche Projekte und Initiativen angeschoben. Doch die "Zero Waste"-Stadt ist nach wie vor eine Vision. Von Jan Menzel

Auf dem Papier hört es sich ganz einfach an: Der Senat soll eine Strategie erarbeiten. Statt einfach Müll abzufahren, lautet das Zauberwort "moderne Kreislaufwirtschaft". Das große Ziel dabei: Abfall vermeiden, am besten fast vollständig. Auf Englisch heißt das dann: Zero Waste. So hat es das Abgeordnetenhaus vor vier Jahren als Arbeitsauftrag formuliert.

Inzwischen gibt es ein komplett überarbeitetes Abfallwirtschaftskonzept. Auf 165 Seiten wird so gut wie kein Bereich ausgespart. Es geht um die großen Müllmassen, etwa den Umgang mit Klärschlamm oder die Sanierung von Stadtquartieren, ohne dass bergeweise Bauschutt anfällt. Aber es gibt auch viele kleine Ideen, durch die Bürgerinnen und Bürger im Alltag nachhaltiger leben können.

Second-Hand statt Wegwerfen

Da ist zum Beispiel der Second-Hand-Sektor. Als eines der ersten Projekte listete die Umweltverwaltung schon 2020 die Kooperation mit dem damaligen Karstadt-Kaufhaus am Herrmannplatz auf. Dort wurden Flächen freigeräumt, um hochwertige Gebrauchtwaren anzubieten. Etwas Vergleichbares gab es in Deutschland bis dato noch nicht. Die Stadtreinigung BSR betreibt seit einiger Zeit sogar ein komplettes Gebrauchtwaren-Haus. Das Motto der "NochMall" in Reinickendorf: "Alles außer neu".

In einem völlig anderen Segment der Abfallvermeidung ist der Verein "Restlos Glücklich" unterwegs. Mit einer mobilen Fahrradküche fahren die Mitglieder durch die Stadt und zeigen, dass abgelaufene Lebensmittel nicht automatisch für die Tonne, sondern oft sehr wohl noch essbar sind. Andere Vereine bieten umfassende Abfallberatungen an, die Bildungsverwaltung hat Unterrichtsmodelle in Sachen Müllvermeidung erstellt und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) betreibt zwei Repair-Cafes in der Stadt.

Mehr Müll, aber auch mehr Mülltrennung

Und doch spricht Tobias Quast-Malur vom BUND nur von "hoffnungsvollen Leuchttürmen". Berlin sei "erst ganz am Anfang", so der Referent für Abfall- und Ressourcenpolitik. Ein Blick auf die schieren Mengen zeigt, was Quast-Malur meint: Statt weniger, wird der Müll in Berlin eher mehr. Die Stadtreinigung BSR gibt das Gesamtaufkommen der Abfälle für 2021 mit 1,285 Millionen Tonnen an. 2019 waren es noch 1,258 Millionen Tonnen gewesen.

Ein Lichtblick in der Statistik sind allerdings die biogenen Abfälle. Das sind vor allem Speisereste und alles, was in Garten und Park anfällt. Hier sind die eingesammelten Mengen in den vergangenen Jahren zum Teil sprunghaft auf zuletzt 177.700 Tonnen (2021) gestiegen. Dieses Biogut kann kompostiert, zu Biogas vergoren und somit verwertet werden. Aber auch hier geht mehr, meint BUND-Experte Quast-Malur: "Immer noch ist im Restmüll 40 Prozent Organik zu finden, insbesondere im Mehrfamilienhausbereich."

Volle Papierkörbe an den Straßen

Zu den großen Sorgenkindern bei der Müllvermeidung gehören nach wie vor Einwegverpackungen und Coffee-To-Go-Becher. Ganz exakte Erhebungen dazu gibt es nicht. Auf Basis von Studien des Umweltbundesamtes schätzt die Senatsverwaltung für Umwelt, dass in Berlin jeden Tag 460.000 Einweg-Becher verbraucht werden.

Die Corona-Pandemie sorgte phasenweise für zusätzlichen To-Go-Abfall, was in den Bezirken negativ registriert wurde. Laut Stadtreinigung BSR mussten auch die Mülleimer an den Straßen mehr Müll schlucken. 8.500 Tonnen haben die Männer und Frauen in Orange 2021 aus den Papierkörben geholt. Im Jahr zuvor waren es 1.000 Tonnen weniger.

Immer noch ist im Restmüll 40 Prozent Organik zu finden, insbesondere im Mehrfamilienhausbereich.

Tobias Quast-Malur, BUND

AfD hält Zero-Waste für gescheitert

Diese Zahlen lassen für den AfD-Abgeordneten Frank-Christian Hansel nur den Schluss zu, dass das Zero-Waste-Ziel "von vornherein unrealistisch" war. Die Wirkung der Maßnahmen und Projekte liege im "Promille-Bereich". "Was wir nicht brauchen, sind milieuspezifische Mehrweg-Initiativen oder Repair-Cafes", findet Hansel.

Als "grundsätzlich gut" wertet dagegen der umweltpolitische Sprecher der CDU, Danny Freymark, die Zero-Waste-Strategie. Die Realität in den Straßen und Parks sehe aber noch ganz anders aus. Vermüllung und Verwahrlosung würden viele Bürgerinnen und Bürger ärgern. Das zeigten die vielen Bürgeranfragen in seinem Bürgerbüro und im Parlament, sagt Freymark. Die CDU fordere daher, dass die BSR die Reinigung aller Parks und Spielplätze übernehme.

Nur ein einziger oranger Behälter reicht nicht. Wenigstens Glas und Papier müssen auch getrennt gesammelt und erfasst werden.

Danny Freymark, umweltpolitischer Sprecher der CDU Berlin

Konsequent Kreislaufwirtschaft?

Für Freymark lautet die Kernfrage aber: "Wie kommen wir bei der Kreislaufwirtschaft voran?" Nach wie vor lande alles unsortiert im Papierkorb an der Straßenlaterne. "Nur ein einziger oranger Behälter reicht nicht. Wenigstens Glas und Papier müssen auch getrennt gesammelt und erfasst werden", fordert der CDU-Abgeordnete.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz ist dagegen überzeugt, dass eine Trendumkehr beim To-Go-Müll nur durch einen Systemwechsel gelingt. Eine Abgabe auf Plastikgeschirr und Wegwerf-Becher findet Tobias Quast-Malur nach wie vor sinnvoll – auch wenn die Stadt Tübingen damit im ersten Anlauf vor Gericht gescheitert ist.

Berliner Pilotprojekt mit Tücken

Die nachhaltigste Lösung wäre aus seiner Sicht aber ein Umstieg auf Mehrweg-Verpackungen im To-Go-Bereich. Pioniere wie das Unternehmen Recup mit seinen Pfandbechern sind seit mehreren Jahren in Berlin aktiv. Viele Cafés, Spätis und Restaurants haben individuelle Lösungen gefunden.

Doch ein Pilotprojekt der Umweltverwaltung hatte schon vor zwei Jahren gezeigt, wo sich die Tücken im Detail verstecken. Damals beteiligten sich entlang der U-Bahn-Linie 2 und der S-Bahnlinie 7 rund 50 Verkaufsstellen an einem Mehrwegbecher-Pfandsystem. Als Knackpunkt erwies sich dabei die Logistik. Benutzte Mehrwegbecher müssen gespült und gegebenenfalls unter den teilnehmenden Läden wieder verteilt werden. Der Pilotversuch habe gezeigt, dass die anfallenden Kosten für Gastronominnen und Gastronomen "nicht abbildbar" seien, so die Umweltverwaltung in ihrer Bilanz des Versuchs.

Mehrwegpflicht für Gastronomie kommt

BUND-Referent Quast-Malur hofft nun darauf, dass sich zum Jahreswechsel etwas ändert. Am 1. Januar 2023 tritt die so genannte Mehrwegangebotspflicht für die Gastronomie bundesweit in Kraft. Cafés und Restaurants mit einer Fläche von mehr als 80 Quadratmetern oder mehr als fünf Mitarbeitenden müssen dann auch Mehrweggefäße zum Verleih anbieten. Das könnte neuen technische Lösungen für Rücknahme- und Spülsysteme ein Schub geben, hofft Quast-Malur.

Seine Vision ist, dass mit viel Ehrgeiz, die Restmüllmenge perspektivisch auf 50 kg pro Kopf und Jahr sinken könnte. Noch produziert Jeder und Jede in Berlin pro Jahr allerdings mehr als vier Mal so viel. Die Stadtreinigung geht davon aus, dass selbst bei vorbildlichem Trennverhalten und optimiertem Recycling "signifikante Abfallmengen" übrigbleiben. Eine Millionenmetropole, in der gar kein Müll mehr anfällt, sei "bis auf Weiteres" nicht realistisch, so die BSR.

Sendung: rbb24 Inforadio, 16.9.2022, 6:32 Uhr

Beitrag von Jan Menzel

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