Interview | Mutter mit Alkoholproblem - "Ohne meine Kinder würde ich wahrscheinlich immer noch trinken"

Sa 14.05.22 | 08:09 Uhr
Symbolbild: Eine junge Frau trinkt am 19.03.2022 auf dem Tempelhofer Feld, im Licht der Abendsonne, Bier im Gehen aus der Flasche. (Quelle: dpa/Wolfram Steinberg)
Bild: dpa/Wolfram Steinberg

Alkohol war schon immer ein Thema für Katrin L. aus Brandenburg. Stress im Job, zwei Kinder und die Corona-Krise ließen die Situation eskalieren: Die 41-Jährige trank regelmäßig - meist heimlich. Bis zum Filmriss. Dann fand sie aus der Sucht.

Katrin L. (Name von der Redaktion geändert) aus Brandenburg entspricht nicht der vermeintlich typischen Vorstellung einer Alkoholikerin. Die 41-Jährige ist Akademikerin, wuppt einen anspruchsvollen Vollzeitjob und hat zwei kleine Kinder. Getrunken bis zum Filmriss hat sie trotzdem - und das meist heimlich. Bis vor elf Monaten. Im Interview erzählt sie, wie sie anfing, was sie triggert(e) und wie sie es geschafft hat, mit dem Trinken aufzuhören.

Aktionswoche Alkohol

rbb|24: Hallo Frau L., erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie bemerkt haben, dass Sie ein Alkoholproblem haben?

Katrin L.: Darüber habe ich viel nachgedacht in den letzten Monaten. Vor etwa zehn Jahren, gegen Ende des Studiums, hatte ich einen lichten Moment. Da hatte ich viel Stress und gleichzeitig einen Freund und einen Freundeskreis in dem relativ viel getrunken wurde. Eines Morgens bin ich aufgewacht und habe mich richtig schlecht gefühlt. Da hatte ich wirklich einen Filmriss, ich wusste nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin, was ich gesagt und gemacht habe am Abend zuvor. Das war schlimm. Das vorherrschende Gefühl war Scham.

Und das ist dann immer mal wieder passiert, sodass ich mich gefragt habe, was da los ist. Ich habe dann mit meinem damaligen Freund gesprochen und gefragt, ob er denkt, dass ich ein Problem habe. Er war Arzt und hat das abgetan. Dann habe ich gegoogelt und geschaut, ob ich Alkoholikerin sein könnte. Aber da kam auch immer raus: Eigentlich nicht. Ich habe auch die Infos der Anonymen Alkoholiker gelesen, aber die haben so einen christlichen Ansatz, das hat mich abgeschreckt. Der typische Alkoholiker, sagte ich mir, ist ja wer anders. Jemand, der täglich trinkt und der in der Gosse liegt mit seiner Schnapspulle. Das war bei mir nicht so. Ich habe damals auch nicht täglich getrunken.

Es gibt den Begriff der hochfunktionalen Alkoholiker. Der passt vielleicht ganz gut zu mir: Ich habe studiert, hatte einen Job, aber ich hatte schon lange das Gefühl, da stimmt was nicht.

Wie hat der Alkohol Sie in Ihrem Leben begleitet?

Ich habe mit 14, 15 Jahren mit dem Trinken angefangen. Bei der Dorfjugend trank jeder, da musste man sich nicht verstecken. Ich habe lange immer nur auf Partys und nur am Wochenende getrunken. Während meines Studiums habe ich mal vier Monate nichts getrunken. Meine Freunde konnten das nicht verstehen, sie versuchten mich unter Druck zu setzen, damit ich weiter mittrinke. Das fand ich damals schockierend. Dass die Gesellschaft eher akzeptiert, dass du total besoffen bist, als dass du nüchtern bleibst. Und dann habe ich auch irgendwann wieder mitgetrunken.

Als ich dann meinen ersten, sehr stressigen Job hatte, habe ich angefangen, heimlich allein zu trinken, da dachte ich dann schon: Das ist vielleicht nicht so gut. Doch ich hatte das Gefühl, ich könnte so runterkommen. Ich denke, da habe ich angefangen, Alkohol als Betäubungsmittel zu nutzen.

Die Gesellschaft akzeptiert eher, dass du total besoffen bist, als dass du nüchtern bleibst.

Katrin L., trocken seit elf Monaten

Was hat Ihnen Alkohol bedeutet?

Alkohol wurde von etwas, was dazugehörte und nebenbei mitlief zu etwas, das eine Hauptrolle in meinem Leben spielte. Ich wollte dann auch allein zuhause trinken, ich wollte mich mit niemandem treffen. Ich war dabei nie sturzbetrunken, sondern habe ein bis zwei Gläser getrunken, bis ich einen leichten Pegel hatte.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe dann meinen Ex-Mann kennengelernt, mit dem ich auch meine Kinder zusammen habe. Ab dann habe ich dann nicht mehr allein getrunken, weil ich viel Zeit mit ihm verbracht habe - das war eine Art soziale Kontrolle. Ich bin nach unserem Kennenlernen recht schnell schwanger geworden, habe direkt komplett aufgehört zu trinken und habe auch während der relativ langen Stillzeit nicht getrunken.

Doch danach ist das alles eskaliert. Der ganze Stress durch die Arbeit, das erste Kind war anstrengend, das zweite bald unterwegs – und die Partnerschaft lief auch nicht mehr so gut. Nachdem mein zweites Kind abgestillt war, habe ich angefangen, wieder abends zu trinken. Mein Partner hat das auch gemacht. Das fühlte sich okay an. Ich fand, dass der Stress mit den Kindern dann nicht mehr so schlimm war, ich konnte sie dann auch viel entspannter trösten.

Naja, und dann kam Corona. Da wurde der Stress noch größer, weil die Kinder nicht in die Kita konnten, und mein Alkoholkonsum nahm zu. Da habe ich mich richtig auf die Abende gefreut, weil ich dann endlich anfangen konnte zu trinken. Dann kamen die Filmrisse zurück. Ich wusste teilweise nicht mehr, wie ich meine Kinder ins Bett gebracht habe. Ich habe inzwischen dann getrunken, bis die Flasche leer war. Das war ein großes Alarmsignal. Da wurde mir klar, dass ja auch irgendwas mit den Kindern sein könnte und ich wäre dann in so einem Zustand. Ich wohne im Speckgürtel von Berlin, da kann man sich nicht so leicht mit den Öffentlichen irgendwohin bewegen. Da wusste ich: Jetzt ist es ein Problem.

Dann habe ich erstmal aufgehört, in Gegenwart meines Mannes zu trinken und habe wieder heimlich getrunken. Ich bin nach der Arbeit zum Supermarkt gefahren, habe eine kleine Flasche Bier gekauft und ausgetrunken, mir einen Kaugummi in den Mund geschoben und bin zurück nach Hause. Obwohl wir Alkohol längst als Problem identifiziert und die Abmachung getroffen hatten, beide nicht mehr zu trinken. Aber ich konnte mich nicht daran halten. Meine Gedanken begannen, sich immer mehr um den Alkohol zu drehen.

Wie haben Sie da rausgefunden?

Ich habe erstmal eine Pause von drei Monaten gemacht mit dem heimlichen Trinken. Das ging, denn ich musste zu einem ärztlichen Check-up. Da war alles in Ordnung. Da dachte ich: Ok, ich kann ja mäßig trinken. Dann habe ich auf einer Party nur wenig getrunken, hatte aber trotzdem einen Filmriss.

Daraufhin habe ich erneut gegoogelt und bin auf einen Podcast einer Frau gestoßen, die selbst Alkoholikerin war. Sie berichtet über ihre Erfahrungen und davon, wie sie nüchtern geworden ist. Dazu hat sie ein 30-Tage-Programm entwickelt. Das hat mich voll abgeholt, ich habe das Programm gleich gebucht. Man bekommt dann jeden Tag ein Video per Email, in dem man angesprochen wird. Seitdem bin ich nüchtern. Elf Monate sind das nun.

Welche Hindernisse gab und gibt es auf Ihrem Weg, nüchtern zu bleiben?

Am schwierigsten sind Events. Egal, wo man hingeht, es wird überall getrunken. Freunde und Bekannte, die kein Alkohol-Problem haben, verstehen es nicht. Es gibt ja Leute, die unangenehm werden, wenn sie trinken. Ich werde lustig. Wahrscheinlich sogar lustiger als nüchtern - und die Freunde vermissen die alte Katrin. "Oh immer noch nicht?", fragen sie mich manchmal enttäuscht, wenn ich den angebotenen Alkohol ablehne. Die Leute, die selbst ein Problem haben, erkennt man plötzlich auch. Denen hält man einen Spiegel vor und die versuchen einen dann auch zu überreden. Damit komme ich inzwischen klar, aber am Anfang war das schwierig. Alkohol ist einfach allgegenwärtig.

Ich bin anfangs im Supermarkt an den Weinregalen vorbeigelaufen und dachte nur: nein, nein, nein. Inzwischen ist mir das egal. Ich fände es schön, wenn ich in Maßen trinken könnte. Doch ich kann nur an oder aus - und ich habe mich für aus entschieden. Ich habe an meinen Vater mit seinem Alkoholproblem gedacht und gewusst, das will ich nicht. Nicht für mich und vor allem nicht für meine Kinder. Ohne meine Kinder würde ich wahrscheinlich immer noch trinken.

Mein Vater war manchmal so sturzbetrunken, dass er im Haus irgendwo hingespuckt hat. Er war auch kein freundlicher Betrunkener, auch für uns Kinder nicht, und meine Mutter hat unter den Folgen seines Alkoholkonsums sehr gelitten. Ihn hat das gesundheitlich schwer geschädigt, er ist aber inzwischen trocken. Da er sehr unreflektiert ist, können wir über das Thema aber leider nicht reden.

Wenn man funktioniert und arbeiten geht, dann denken alle, dass man kein Problem haben kann.

Katrin L., trocken seit elf Monaten

Wie sieht Ihr Leben ohne Alkohol aus?

Am Anfang habe ich alkoholfreie Getränke getrunken, alkoholfreies Bier beispielsweise. Das wird aber nicht empfohlen, weil das wieder triggert. Ich trinke jetzt Cola - das reicht mir. Bei medizinischen Produkten, Hustensaft zum Beispiel, bin ich tiefenentspannt, das macht mir nichts. Kürzlich habe ich mal versehentlich an einem alkoholischen Getränk genippt. Das habe ich dann weggestellt.

Inzwischen geht es auch bei Geburtstagen und Partys: Je länger das geht, desto weniger Kommentare bekommt man. Auf der Arbeit ist es allerdings manchmal komisch. Da merke ich schon, wenn man abends gemeinsam essen geht, dass die Kollegen komisch gucken. Aber ich sage dann, dass ich zu Corona-Zeiten viel getrunken habe und jetzt gerade keinen Alkohol mehr mag. Outen würde ich mich nie dort. Ich weiß, dass es viele gibt, die da einen offeneren Umgang haben, aber ich habe Angst, dass das auf mich oder meine Kinder zurückfällt. Ich will auch nicht, dass das mal zur Sprache kommt, wenn sie dabei sind.

Ich nenne mich auch nicht so gerne Alkoholiker, Raucher nennt man ja auch nicht Nikotiniker.

Der Klischee-Alkoholiker ist männlich, Frauen hat man dabei seltener im Blick. Glauben Sie, das Problem wird bei Frauen unterschätzt?

Oh ja. Weil Frauen oft heimlich trinken. In einer Facebook-Gruppe, in der ich zu dem Thema bin, sind schätzungsweise 75 Prozent Frauen. Und ich habe jetzt auch einen besseren Blick auf die Frauen in meinem Umfeld. Frauen trinken sich nicht so in die Gosse, sie trinken eher im Stillen. Ich denke, dass das unterschätzt wird. Auch mein Ex-Freund, der Arzt, hat das ja verharmlost. Es ist oft Thema in der FB-Gruppe: Dass Ärzte und Therapeuten das Problem runterspielen. Wenn man funktioniert und arbeiten geht, dann denken alle, dass man kein Problem haben kann.

Haben Sie Angst vor Rückfällen?

Manchmal habe ich noch Phasen, in denen es mir nicht so gut geht. Inzwischen habe ich mich vom Vater meiner Kinder getrennt und wohne, wenn die Kinder bei ihm sind, allein. Manchmal fehlt mir da die soziale Kontrolle. Dann habe ich Angst. Am 1. Mai habe ich so viele Leute mit Alkoholflaschen gesehen. Dann denke ich schon, dass ich Lust hätte, normal zu trinken. Aber weil ich das nicht kann, habe ich dann meine Tools aus dem Programm: Split Screen zum Beispiel. Ich erinnere mich dann, wie es mir geht, wenn ich getrunken habe. Stelle mir vor, wie es wäre, wenn einem meiner Kinder was passiert und ich nicht helfen kann. Ich muss sicher aufpassen, wenn die Kinder älter sind und mich nicht mehr so brauchen. Ich vermute, dass es mir dann schwerer fällt.

Was würden Sie anderen Frauen raten?

Ich würde ihnen raten, dass sie auf sich selbst hören. Ich habe mal gelesen: Wenn du googelst: Habe ich ein Alkoholproblem – dann hast du eins. Dann muss man einen Weg finden, das Problem zu anzugehen. Manche Leute hören einfach auf, andere gehen zu den Anonymen Alkoholikern – außerdem gibt es Lektüre. Ich habe meine im Schrank versteckt, damit sie keiner sieht. Wichtig ist zu lernen, wie man sich ablenken kann und was einen triggert.

Was hilft ist Gemeinschaft. Zu dem Programm, mit dem ich aufgehört habe, gibt es auch die Facebook-Gruppe, die ich schon erwähnt habe, da sind wir über 2.000 Mitglieder. Ich dachte am Anfang, oh Gott, eine FB-Gruppe! Aber das tut total gut. Man kann da jederzeit schreiben und kriegt sofort Rückmeldungen. Wir haben jetzt sogar ein Treffen organisiert. Allein schafft man es schwerer.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jenny Barke, rbb|24.

Sendung: rbb24 Abendschau, 13.05.2022, 19:30 Uhr

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