Schwangerschaftsabbrüche - "Die Frauen sind geschockt, weil die Rechtslage in Polen anders ist als in der Ukraine"

Mi 20.04.22 | 17:41 Uhr | Von Maike Gomm
Proteste in Polen. (Quelle: dpa/Jan A. Nicolas)
Video: rbb|24 | 20.04.2022 | Bild: dpa/Jan A. Nicolas

Polen hat eines der härtesten Abtreibungsgesetze Europas. Viele Frauen kommen deswegen nach Deutschland, um ihre Schwangerschaft abzubrechen. Durch den Krieg in der Ukraine könnten das noch mehr werden. Von Maike Gomm

Izabela hätte nicht sterben müssen. So zumindest sehen es die Zehntausenden Menschen, die im November 2021 in Polen auf die Straße gehen, um gegen das strenge Abtreibungsverbot zu demonstrieren. Izabelas Baby war nicht lebensfähig, doch anstatt einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen, warteten die Ärzt:innen, bis keine Herztöne mehr zu hören waren. Die 30-Jähirge starb daraufhin an einer Sepsis.

Seit der Gesetzesverschärfung im Jahr 2020 dürfen Frauen in Polen nur noch abtreiben, wenn durch die Geburt ihr eigenes Leben unmittelbar in Gefahr ist oder die Schwangerschaft die Folge einer Vergewaltigung ist. Die Richter:innen des polnischen Verfassungsgerichtes argumentieren: Leben müsse "zu jeder Entwicklungsphase" geschützt werden.

Doch selbst im Falle einer Vergewaltigung ist es schwierig, die Schwangerschaft tatsächlich abzubrechen, sagt Urszula Bertin von der Frauenrechtsgruppe Ciocia Basia (Tante Barbara): "Da muss man sich bei der Polizei melden und davor haben viele Frauen Angst. Sie schämen sich, denn Vergewaltigung ist immer noch ein Tabu. Das Opfer wird als schuldig betrachtet. Ein Schwangerschaftsabbruch findet dann nur in sehr seltenen Fällen statt."

Der Krieg in der Ukraine verschärft die Lage

Ciocia Basia ist ein feministisches Kollektiv, das ungewollt schwangeren Polinnen dabei hilft, in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Frauenrechtsorganisationen schätzen, dass jedes Jahr rund 200.000 Polinnen illegal abtreiben oder dafür ins Ausland gehen. Offiziell gibt es in Polen nur 2.000 Abtreibungen im Jahr.

Die Organisation ist ehrenamtlich. Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine bekommt Ciocia Basia auch Anfragen von schwangeren Ukrainer:innen, die nach Polen geflüchtet sind. Sie wollen in Polen abtreiben, dürfen es aber nicht.

Bei Ciocia Basia haben sich bisher 12 Ukrainer:innen gemeldet denen es so geht. Drei von ihnen sind während des Krieges vergewaltigt worden. "Sie melden sich bei uns. Sie sind geschockt, weil die Rechtslage in der Ukraine anders ist als in Polen. Wenn sie in ungewollter Schwangerschaft sind, dann werden sie in Polen abgewiesen", sagt Urszula Bertin. In der Ukraine sind Schwangerschaftsabbrüche legal. Vor Kriegsausbruch sind Pol:innen zum Teil auch dorthin gefahren um abzutreiben. Diese Möglichkeit gibt es jetzt nicht mehr.

Auch in Deutschland sind Abtreibungen illegal

In Deutschland werden nach Angaben des statistischen Bundesamtes rund 95.000 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr durchgeführt.

Auch hier sind Abtreibungen nach Strafgesetzbuch Paragraf 218 theoretisch strafbar. Es gibt jedoch Ausnahmen: Lässt sich die Schwangere vorher beraten und wird der Abbruch von einem Arzt oder eine Ärztin durchgeführt, bleibt die Frau straffrei. Dies gilt allerdings nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche. Nur bei Fehlbildungen des Embryos darf auch danach noch ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden.

Immer weniger Ärzt:innen führen Abtreibungen durch

In jedem Fall muss die Frau zuerst einen Arzt oder eine Ärztin finden, die die Abtreibung durchführt - das machen immer weniger Ärzt:innen. Die Zahl der Praxen und Kliniken, die Abbrüche anbieten, hat sich in Deutschland von 2003 bis 2021 fast halbiert. Das merkt auch der Berliner Gynäkologe Axel Reut (Name von Redaktion geändert): "Wir haben mehr Patientinnen mit dem Wunsch nach Abtreibung. Die kommen ja auch nur zu uns, weil sie woanders nicht fündig geworden sind. Ich hatte neulich eine Patientin, die sagte, ich sei der siebte Arzt gewesen, den sie konsultierte."

Vor allem in den ländlichen Gebieten kann es so zu Versorgungslücken kommen. So gibt es in Berlin mindestens 138 Kliniken und Praxen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. In Brandenburg sind es nur rund 50.

Reut führt das auf einen generellen Ärztemangel zurück, sieht aber auch noch andere Gründe: "Die Gynäkologen, die noch da sind, möchten immer weniger einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Das ist zum einen eine persönliche Entscheidung der Frauenärzte, wegen religiöser oder ethischer Gründe. Es gibt aber auch ökonomische Gründe, weil es sich nicht unbedingt rechnet, wenn man solche Eingriffe macht." Bei einem Schwangerschaftsabbruch ist die Vor- und Nachsorge der Patientinnen vergleichsweise aufwendig. Zudem müssen bei dem ambulanten Abbruch die Ärzt:innen meist einen Operationssaal anmieten. "Wenn Aufwand und Nutzen nicht mehr im Verhältnis stehen, sagen eben viele Kollegen, ich mache es nicht mehr", so Reut.

Insgesamt ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland seit mehreren Jahren rückläufig. Reut führt das auf bessere Verhütungsmöglichkeiten und auf mehr Aufklärung zurück.

Schwangerschaftsabbruch per Telemedizin

Per Telemedizin begleitet eine kanadische Non-Profit-Organisation Frauen bei medizinischen Abtreibungen. Die entsprechenden Medikamente werden den Frauen per Post zugeschickt.

Die Organisation agiert weltweit, auch in Deutschland. Die Rechtslagen in den einzelnen Ländern ist sehr unterschiedlich, in Deutschland ist sie nicht hundertprozentig geklärt. "Nach meiner Auffassung bedeutet ein telemedizinisch begleiteter Schwangerschaftsabbruch nicht zwingend einen Rechtsbruch", sagt die Rechtsanwältin Dr. Susann Bräcklein von der Kanzlei Jorzig, die auf Medizinrecht spezialisiert ist. Zudem gibt es auch eine aktuelle Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass ein Schwangerschaftsabbruch per Telemedizin genauso wirksam ist, wie ein Abbruch in einer Arztpraxis.

Die Pflicht zu einem Beratungsgespräch bleibt aber auch bei der Telemedizin bestehen: "Selbstverständlich setzt die Übermittlung des Arzneimittels und der telemedizinisch begleitete Schwangerschaftsabbruch den Nachweis der erfolgten Beratung nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz voraus. Daran kann ein Online-Angebot nichts ändern", sagt Bräcklein.

Beitrag von Maike Gomm

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