Anfeindungen gegen Russ:innen - "Weil wir hier Russisch sprechen, werden wir boykottiert"

So 06.03.22 | 14:26 Uhr | Von Anna Severinenko
Eine Ukrainische Flagge und ein Schild mit der Aufschrift <<We stand for Ukrain>> hängen an der Bar. (Quelle: rbb/Oberwalleney)
Video: rbb|24 | 06.03.2022 | Autoren: Anna Severinenko & Stefan Oberwalleney | Bild: Stefan Oberwalleney

Russlands Krieg gegen die Ukraine ist auch in Berlin angekommen: Fühlbar auf den Straßen, in Cafés - und in den Köpfen der Menschen. Seitdem spüren die in der Hauptstadt lebenden Russ:innen Ablehnung und Anfeindungen. Von Anna Severinenko

Das "Datscha Kreuzberg" ist ein Restaurant mitten im bunten Gräfekiez in Berlin Kreuzberg. Datscha, Russich für "kleines Ferienhaus", steht in kyrillischen Lettern an der Eingangstür geschrieben. Drinnen Retro-UdSSR-Look, 70er-Jahre-Tapete in den großen Räumen, Borschtsch-Suppe, russische Musik läuft, im Regal stehen Bücher von Dostojewski.

"Wir haben gemerkt, dass weniger Gäste kommen seit letzter Woche", erzählt Egor Spivakov, einer der Mitarbeiter. "Es sind 20 bis 30 Prozent weniger, wir merken es auf jeden Fall."

Egor ist seit 21 Jahren in Deutschland, zwei Drittel seines Lebens. "Am ersten Tag des Angriffs, waren es zehn, 15 Drohanrufe. Wir denken aber, dass es dieselbe Person war. Der Herr hat uns gedroht 'vorbeizukommen'. Wir haben direkt eine Anzeige erstattet", so Egor. Das Restaurant habe auch schlechte Bewertungen auf Google bekommen. "Gäste, die nicht einmal hier waren, haben zum Beispiel geschrieben: 'War zwar nett, aber im Vergleich zur ukrainischen Küche nicht so freundlich.'"

"Wir sind definitiv alle gegen einen Krieg"

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kommen unter anderem aus Russland und der Ukraine. An der Wand hängt eine Illustration aus den 70ern für eine Sportveranstaltung der UdSSR. Darauf steht auf Russisch: 'Für eine unzerstörbare Freundschaft. Für neue sportliche Erfolge'.

Zwischendurch zeigt Egor Menschen mit Tüten und Kartons im Gepäck den Weg in den hinteren Raum des Restaurants. Datscha hat eine Sammel- und Spendenaktion für Geflüchtete organisiert.

"Es gibt Mitarbeiter, die aus der Ukraine sind, deren Familien jetzt beschossen werden. Wir sind fassungslos, dass sowas überhaupt passiert, weil keiner sowas erwartet hat. Wir sind definitiv alle gegen einen Krieg. Wir sind alle ein Team und untereinander läuft alles so weiter", erzählt Egor.

"Die Menschen wollen nur ein Feindbild sehen"

Die Angestellten versuchen, die bisherigen Anfeindungen nicht so ernst zu nehmen. "Es hat nichts damit zu tun, wie das ganze russische Volk ist. Solche Menschen wollen ja nur ein Feindbild sehen, um es anzugreifen. Aber es sind dann Menschen, die allgemein gewalttätig sind und Vorurteile haben", so Egor. Persönlich wurde er noch nicht angegriffen.

Auch Swetlana Angold, Verkäuferin beim russischen Imbiss Fedora in Friedrichshain erzählt zunächst, dass sie keine unangenehmen Erfahrungen hatte bei ihrer Arbeit. "Es kommen weniger Deutsche rein, aber es kommen welche", berichtet sie. "Heute kamen sogar Ukrainer, Geflüchtete aus Minsk. Sie waren freundlich, sprachen ganz normal mit uns, ohne Anfeindungen, vor allem zu mir, ich bin ja Russin."

Swetlana Angold lebt seit 26 Jahren in Deutschland, über die Hälfte ihres Lebens. "Ich selbst unterstütze weder Russland noch die Ukraine, ich bin einfach gegen den Krieg. Ich wohne hier so lange, ich fühle mich einheimisch. Aber natürlich führt das, was drumherum passiert, dazu, dass alle angespannt sind."

Dann fängt sie an, von ihrer Kollegin zu erzählen: "Diese Woche, während meine Kollegin gearbeitet hat, kam zweimal jemand rein, ob Ukrainer oder nicht, weiß ich nicht. Er sagte zu ihr auf Russisch: 'Redet besser nicht so viel auf Russisch. Sonst könnt ihr was erleben, dann gibt’s was!'"

"Wir können absolut nichts dafür, was dort passiert"

Der kleine Imbiss befindet sich direkt an der S-Bahn-Station Frankfurter Allee. Darüber steht in großen Lettern: Russische Küche. Durch das Fenster kann man die Kollegin sehen, wie sie einen Teig knetet.

"Sie war verängstigt, hat die russische Musik ausgemacht. Auch wenn ich derzeit zur Arbeit gehe, geht es mir nicht besonders gut. Ich verstehe, dass ich persönlich und auch andere angegriffen werden könnten, seitens Deutscher und seitens Ukrainer", berichtet Swetlana. "Dabei: Was haben wir denn damit zu tun? Ich habe eine deutsche Staatsbürgerschaft, mein Kind ist hier zur Welt gekommen. Wir können absolut nichts dafür, was dort passiert."

Sie fokussiert sich auf die netten Kundinnen und Kunden: "Einige Deutsche versuchen sogar ein wenig Russisch zu sprechen, was sehr wichtig ist, denn es zeigt, dass sie nicht gegen uns als Menschen sind. Wir sind doch alles Menschen, wir alle sprechen Russisch - Moldawier, Ukrainer, Russen. Wir sind doch alle gegen den Krieg und für den Frieden."

Andere russische Inhaber und Inhaberinnen von Restaurants und Geschäften hat es nicht so glimpflich getroffen. Viele wollen darüber gar nicht erst sprechen, um nicht noch mehr negative Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Alles was einen Russland-Bezug hat, kann zurzeit schnell unter Generalverdacht kommen.

"Russen, Ukrainer, Moldawier - weil wir alle Russisch sprechen, werden wir alle boykottiert"

So auch Tanja, Ukrainerin, die in Wirklichkeit anders heißt, aber anonym bleiben möchte – aus Angst. Ihr gehört ein Restaurant mit russisch-ukrainischer Küche. Letzte Woche kam ein ukrainischer Mann rein, sie war alleine. Er fragte, ob sie russisches Essen anbiete, sie bejahte vorsichtig. Er, aufgebracht, sagte ihr, sie solle das Restaurant am besten gleich dichtmachen. Erst nachdem sie auf Ukrainisch auf ihn eingeredet hatte, beruhigte er sich wieder und ging.

Nun hängen ukrainische Flaggen im Fenster. "Eigentlich ist es hier eine ukrainische Küche, nur meine Tochter sagte, ich soll es 'russische Küche' nennen, weil es mehr Leute anziehen würde. Sie soll die Beschreibung auf Google jetzt in 'ukrainisch' umändern." Obwohl sie selbst Ukrainerin ist, ist der Umsatz des Restaurants stark eingebrochen: "Es arbeiten auch Ukrainer, Russen, Moldawier und Belarussen hier, aber weil wir hier alle Russisch sprechen, werden wir alle boykottiert."

Die gemeinsame Sprache, die verbinden und ein Verstehen bringen soll, führt nun zu Ausgrenzung.

Das Grausame am Krieg sind nicht nur die militärischen Auseinandersetzungen, es ist die Spaltung der Menschen, die er mit sich bringt: Menschen werden zu Opfern der Kämpfe, obwohl sie weit abseits der Gefechte stehen. Die pauschale Stigmatisierung vieler Russinnen und Russen hierzulande bestätigt Präsident Putin in seinem propagandistischen Narrativ über den "antirussischen Westen", der sein Land bedrohe. Der Krieg in den Köpfen trägt ihn weit über die Fronten hinaus.

Sendung: Inforadio, 06.03.2022, 15:00 Uhr

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Beitrag von Anna Severinenko

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