#musikistkeinhobby | Der Jazzmusiker Tal Arditi - Der schmale Grat zwischen "angeben" und "sich ausdrücken"

Sa 08.10.22 | 14:56 Uhr | Von Hendrik Schröder und Christoph Schrag
Der Gitarrist und Komponist Tal Arditi (Quelle: privat)
Audio: rbb|24 | 08.10.2022 | Al Tarditi im O-Ton | Bild: privat

Tal Arditi ist in Israel aufgewachsen und lebt seit einigen Jahren in Berlin. Schon in seiner Jugend galt der 24-jährige als unglaublich talentierter Gitarrist. Jetzt nimmt seine Karriere langsam Fahrt auf. Und das liegt auch an der Hauptstadt. Von Hendrik Schröder und Christoph Schrag

In der rbb|24-Reihe #musikistkeinhobby treffen Hendrik Schröder und Christoph Schrag jede Woche Musiker:innen aus der Region, die gerade auf dem Sprung nach oben sind - und ihre ganz besondere Message und Geschichte erzählen.

Der Gitarrist und Komponist Tal Arditi [tarditi.com] wuchs in Israel auf, studierte an der "Rimon University Of Music", trat bereits auf diversen Jazz-Festivals auf und lebt in Berlin.

Angefangen habe ich mit klassischem Klavier, da war ich acht. Aber dann habe ich Videos von Led Zeppelin und Genesis gesehen, mein Vater hat diese Musik geliebt. Ein Freund aus meinem Dorf hatte eine Gitarre, und das fand ich so cool. Ich dachte: Ich will nicht dieses langweilige Piano spielen, ich will die Gitarre! Mein erster Lehrer hat mir dann Dutzende von Songs beigebracht, wir haben keine Noten gelernt oder so, nur Songs gespielt. Und als ich 14, 15 war habe ich irgendwann fast nichts anderes gemacht, immer nur Gitarre gespielt. Dann wurde ich mit 16 an einer ziemlich bekannten Musikhochschule für ein Jazzprogramm genommen, normalerweise macht das keiner in dem Alter, aber die Leute da haben wohl mein Potenzial gesehen. Und ab da wurde es ernst und ich dachte: Oh, jetzt musst Du Dich echt richtig anstrengen.

Beeindruckender als Jack White

Neulich hat jemand zu mir gesagt, mein Konzert hätte ihn mehr beeindruckt als das von Jack White. Sowas freut mich natürlich total. Wegen meiner Art, Gitarre zu spielen, wurde ich in Artikeln als Wunderkind beschrieben. Ich mag diese Bezeichnung eigentlich nicht. Ich spiele einfach gerne schnelle und komplizierte Sachen. Aber nach einer Weile habe ich gemerkt, dass es ein schmaler Grat ist zwischen "angeben" und "sich ausdrücken". Angeben möchte ich nämlich nicht. Manchmal braucht die Musik vielleicht genau dieses schnelle Spiel, aber ich muss das nicht ständig machen, dachte ich irgendwann, nur damit die Leute "Wow" sagen.

Ich will mich einfach immer weiterentwickeln, zum Beispiel auch dadurch, dass ich mehr und mehr elektronische Instrumente dazu nehme. Ich werd jetzt nicht jedes Jahr meinen Stil verändern, aber ich will immer tiefer und tiefer in die Musik eintauchen. Und ganz ehrlich, ich möchte natürlich gerne, dass sehr viele Leute meine Musik hören. Ich meine, jeder Musiker will das, oder? Ich spiele echt viele Konzerte derzeit, in London, in Polen, und dann gebe ich noch Gitarrenworkshops in Dänemark. Es ist schon crazy, was derzeit alles passiert.

Kindheit und Jugend in Israel

Ich bin 20 Minuten von Tel Aviv aufgewachsen. Ich habe den Wehrdienst verweigert, was in Israel echt schwer ist, weil ich einfach auf das Musik machen nicht verzichten wollte. Ich bin öfter mal in Israel, aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, jemals zurückzugehen. Vor allem auch wegen der Musik. Von der Musik, die ich mache, kannst Du in Israel nicht leben. Vielleicht gibt es drei oder vier Jazz Musiker in Israel, die wirklich davon leben. Und ich will das gerne weiter hauptberuflich machen. Aber Israel ist einfach zu klein dafür. Ich hab noch Freunde da, aber ich habe mich früher schon ein bisschen wie ein Fremder gefühlt, und je länger ich weg bin, desto stärker wird dieses Gefühl.

Drogen, Partys, Fokus

Ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr in Israel gelebt. Dann bin ich erst kurz in die Schweiz gezogen, und dann nach Berlin. Als ich ankam, wußte ich fast nichts über die Stadt. Ich war ein Mal hier, mit 14, mit meinem Vater, im Urlaub. Mein Vater und ich sind zu Jazz Sessions gegangen, jeden Abend.

Ehrlich gesagt bin ich nur wegen dieser Erinnerungen nach Berlin gegangen, viel mehr wußte ich nicht über die Stadt. Berlin ist aus mehreren Gründen fantastisch: Es zwingt einen echt, mit sich selbst zurecht zu kommen. Weil es so groß ist, weil man alles machen könnte. Und dann gibt es viele Parties und viele Drogen, so viele Möglichkeiten sich abzulenken, dass man sich wirklich fragen muss: was willst Du? Und sich dann fokussieren. Und Berlin ist immer noch billig, verglichen mit anderen großen Städten in Europa. Ich habe Vorfahren, die im Holocaust gestorben sind. Ich kenne Menschen in Israel, die würden aus solchen Gründen niemals nach Deutschland reisen. Aber ich sehe das anders. Ich schaue nach vorne, und Berlin ist politisch sehr fortschrittlich. Berlin ist mein Zuhause geworden, und ich bin stolz darauf, Teil dieser Stadt zu sein.

Antisemitismus und Freunde aus Palästina

Ich weiß, dass es auch in Berlin Antisemitismus gibt, aber ich habe das hier selbst nie erlebt. Natürlich gibt es Situationen, in denen ich lieber kein Hebräisch auf der Straße spreche. Wenn etwa Palästinenser in der Nähe sind, dann habe ich natürlich Sorge, dass das Spannungen geben würde. Wenn ich jetzt auf der Sonnenallee in einen arabischen Supermarkt gehe und da anfange, Hebräisch zu sprechen, dann würde was passieren, klar.

Vielleicht werfen sie mich raus oder so. Aber das macht man dann halt nicht. Auf der anderen Seite bin ich mit einem Journalisten aus Palästina befreundet, und das ist gar kein Problem. Außerdem ist mir bewusst, dass ich am Ende als junger, weißer, männlicher Israeli glücklicher dran bin in diesem Konflikt. Was ist das schon für ein Opfer, wenn ich ein paar Einschränkungen habe und nicht überall Hebräisch sprechen kann, im Vergleich zu dem, was die andere Seite aushalten muss und wie sie leidet?

Sendung:

Beitrag von Hendrik Schröder und Christoph Schrag

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